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Wer auf
unsere Seite gelangt ist, dem unterstellen wir das Wissen um eine vergangene
Existenz einer historischen Gestalt namens Faust.
Dennoch
kursieren verschiedene Versionen, Annahmen und Mutmaßungen im Internet über
allerlei »echte« Geschichten Fausts. Wir haben uns deshalb entschlossen,
jemandem das Wort zu erteilen, der schon etliche Jahrzehnte in der
Faustforschung tätig ist und der schon so manche Publikation zum Thema erbracht
hat: Dr. phil. Günther Mahal. „...neben Hans Henning wohl der bedeutendste
deutsche Faustgelehrte unserer Zeit“. [Conradt/Huby, S. 197]
Auf sehr
analytische Weise, mit historischem Hintergrundwissen und mit psychologischem
Gespür zeigt er Stationen anhand originaler Zeugnisse und Dokumentationen. In
einem überaus interessanten Buch führt er uns in die Zeit zwischen Mittelalter
und Neuzeit: Faust – Die Spuren eines
geheimnisvollen Lebens*
Wir wollen
hier auszugsweise aus diesem Werk zitieren. –
Wer sich
mit der Faustforschung und dem Leben des historischen Faust befassen will, der
kommt nicht vorbei an G. Mahal, dem empfehlen wir dringend ein Studium seiner
Veröffentlichungen.
Günther
Mahal ist Begründer des Faustmuseums und des Faustarchivs in Knittlingen.
Außerdem
zitieren wir aus einer weiteren Schrift: Die
Geschichte vom Doktor Faust** - „das historische Sachbuch, das Leben und
Wirken des legendären Magiers in seiner Epoche nachzeichnet.“ [Umschlagtext]
Wer war
nun dieser Faust, „... von dem man nicht einmal den oder die genauen Vornamen
kennt...” [Mahal, S. 22] und dessen genaues Geburts- und Sterbedatum nicht
vollends geklärt werden können?
„Von allen
berühmten Deutschen ist der historische Faust der unbekannteste. Daran haben
auch die rund zwanzigtausend Werke der verschiedensten Kunstgattungen, in denen
er in den vergangenen vierhundert Jahren eine Hauptrolle spielte, nichts
geändert.
Dass er
der unbekannteste berühmte Deutsche ist, kann niemanden verwundern, der den
spärlich belegten Spuren nachgeht, die er uns hinterlassen hat. Und das, was
wir von ihm als geschichtlicher Person wissen, hat mit dem Bild, das die
Nachwelt in so mannigfacher Weise von ihm gezeichnet hat, darüber hinaus wenig
zu tun.“ [Conradt/Huby, S. 8f]
„Die
Faustforschung befindet sich in der Situation eines Menschen, der von einem
Puzzle aus tausend Teilen zehn sehr weit auseinander liegende Teilchen besitzt
und versucht, anhand dieser zehn Teilchen das Gesamtbild zu rekonstruieren. Da
gibt es so vieles, was bewiesen werden möchte, aber auch im einleuchtendsten
Lösungsangebot nicht mehr als eine Mutmaßung als Rückgrat aufweisen kann. Doch
je länger man sich mit dieser schillernden Figur beschäftigt, desto
begreifbarer und greifbarer wird sie, das heißt, es bieten sich immer mehr
selbstverständlich wirkende Identifikationsmöglichkeiten an.“ [Conradt/Huby, S.
112]
Faust
lebte in jener „… Zeit, die nicht nur fortschrittsgläubig war, sondern auch
eine Epoche der Ratlosigkeit und des Zweifels. Die kulturelle Welt des
Mittelalters lag im Todeskampf, die neue Welt aber war noch lange nicht
gefestigt.“ [Conradt/Huby, S. 226]
„… jeder,
der etwas zu vermelden hatte und schreiben konnte, schrieb, was der Gänsekiel
hergab. Er aber hielt es nicht für nötig, über seine Gedanken und
Unternehmungen Buch zu führen. So schaffte er es noch zu Lebzeiten, zur Legende
zu werden, zu der Legende von dem Mann, der dem Teufel sein Seelenheil in
Zahlung gibt, um sein Erdendasein so auslösen zu können, wie es einem braven
Sterblichen weder erlaubt noch möglich ist. [Conradt/Huby, S. 8]
„... Faust
... war freilich ... nicht der rastlose deutsche Wahrheitssucher, wie ihn
Goethe etwa schildert. Vielmehr galt er als einer der größten, vermutlich sogar
der größte Entertainer seiner Zeit, der seine ungeheure suggestive Begabung
einsetzte, um seine Zeitgenossen zu verblüffen und zu verzaubern. Seine
Auftritte auf den Märkten und an den Höfen seiner Zeit waren immer auch große
Eulenspiegeleien.“ [Conradt/Huby, Umschlagtext]
„Aber
anders als Eulenspiegel, der ein »Tatnarr« und ein durchaus politischer Mensch
war, erwies sich Faust eher als Wortnarr. Er blieb ein Leben lang optimistisch.
Zwar legten sich beide gelegentlich mit der Obrigkeit an, aber während man bei
Eulenspiegel darin durchaus ein revolutionäres Konzept entdecken kann, war es
Faust entweder um den schnellen Effekt der Schadenfreude zu tun oder um die
Möglichkeit, zu einem persönlichen Vorteil zu gelangen. Auf eine wirkliche
Kontroverse hätte er sich wohl nie eingelassen.“ [Conradt/Huby, S. 186]
„Faust war
ein Einzelgänger. Er wurde von keiner Organisation unterstützt, er hatte keine
Sicherheiten. Er war ein Mann ohne gesellschaftlichen Stand, ohne persönliches
Vermögen, ohne den Hintergrund der Kirche oder eines fürstlichen Hofs. Was er
war, war er aus sich selbst. Und damit er nicht ganz allein blieb, hat er wohl
subjektiv geglaubt, der Teufel sei sein Freund und Helfer – wenn nicht sein
Pate, so doch wenigstens sein Schwager.
Das
Sensationelle an Faust war also, dass er eine Figur war, die ohne Hilfe und
Unterstützung von jenen, die die Macht hatten, etwas darstellte – sich
darstellte, mit sich selbst seinen Unterhalt, sein Leben bestritt, was für
seine Zeit etwas sehr Seltenes war.“ [Conradt/Huby, S. 246]
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[Abbildung 1 (S. 317)] Johannes Faust. Portrait
eines
unbekannten Künstlers (Bonn, Ehrenschrein der Landes-
vertretung Baden-Württembergs)
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„An Luthers Tisch sprach man über Faust; Melanchthon
nannte Knittlingen als Geburtsort des »Doktors«; Bischöfe, Adelige und
Wissenschaftler suchten seinen Rat. Aber die Leute der Märkte und Wirtsstuben
waren sein bevorzugtes Zielpublikum, als zahlende Kundschaft und als
Verbreiter seines Ruhms, auch und vor allem der wuchernden Legenden nach
seinem spektakulären Abgang von der Lebensbühne.”[S. 2] „Mit den
konkreten Daten, die wir über Faust besitzen, wäre gerade ein Jahr seines
60-jährigen Lebens zu füllen, wenn man die belegten Tage und die notwendigen
Reisezeiten, um an die verschiedenen Orte zu kommen, einfach aneinanderreihen
würde.
Vermessen
wäre es, eine Biographie Fausts schreiben zu wollen; denn eine Biographie
verlangt, dass ein Leben in der Fülle seiner Details und Motive dargestellt und
die Vielschichtigkeit eines Charakters deutlich wird. Bei Faust reicht das
Material nur, um einen Typ zu umreißen. Über den Menschen wissen wir nichts.
Wir wissen nur etwas von seinen Taten und davon, welchen Stellenwert sie in
seiner Zeit hatten, was man von ihnen offiziell wie inoffiziell gehalten hat:
Offiziell nichts, inoffiziell sehr viel, denn Wunder und dergleichen hielt man
ja für möglich.
Doch ist
sehr viel darüber bekannt, wie man damals in den verschiedenen Kreisen
geherrscht und gedacht, beherrscht und unterdrückt, produziert und verkauft,
gefeiert und gehungert hat.
Es ist auch
bekannt, dass Faust von Gelehrten seiner Zeit deutlich und nicht ohne schrille
Nebentöne registriert wurde und sowohl an den Höfen als auch unter dem
einfachen Volk mit jeweils den Umständen angepassten Mitteln große Erfolge
hatte.“ [Conradt/Huby, S. 88f.]
„Das ist
Faust im Spiegel seiner Zeitgenossen: Ein Zauberer mit der dazugehörenden
seriösen Halbbildung, ein Zauberer, dem man alles zutraut, was man in dieses
unklare Berufsbild überhaupt nur hineingeheimnissen kann.“ [Conradt/Huby, S.
248]
„Was sich
aber an den Geschichten klar und deutlich zeigt, das sind die verschiedenen
Berufe, die Faust beherrscht haben, und die verschiedenen | Wissensbereiche, in denen er zumindest einigermaßen Bescheid gewusst haben muss. Wie diese Berufsbilder im 16. Jahrhundert ausgesehen haben und wie sich die verschiedenen Wissensbereiche dargestellt haben, das lässt sich erklären. Einzelne Situationen aber, die die Faustfigur mit ihrem Umfeld plastisch machen soll, konstruieren wir aus der Fülle des historischen Wissens um die Zeit, um exemplarisch und bildhaft wichtige Bereiche lebendig und verständlich zu machen. Fausts Jugend und Ausbildung liegen im Dunkeln. Die erste Nachricht über ihn ist der … Trithemiusbrief aus dem Jahre 1507, als Faust Mitte zwanzig und ein landauf, landab bekannter zaubernder Alleskönner war, ein Wandermagier. Ein Wandermagier war zuerst einmal jemand, der es zu nichts Ordentlichem gebracht hat, ein abgebrochener Student meistens [die Autoren meinen freilich keinen sehr kleinen Studenten, sondern jemanden, der sein Studium abbrach]. Außerdem hing ihm, wie allen Fahrenden, von vornherein der Ruch des Betrügers an. Ob Faust ein Betrüger war, sei dahingestellt. Wichtig aber ist zu wissen, dass die von der bestehenden Ordnung nicht abgesegneten Illusions- und Wunderverkäufer damals wie heute gerne als Betrüger bezeichnet wurden. Zu Fausts Zeit gab es viele Wunderverkäufer; er aber war wohl der beeindruckendste, der "wundervollste" von ihnen. Er hat Horoskope erstellt, Praktiken geschrieben, die Zukunft auf alle erdenkliche Weise vorausgesagt, Wunderheilungen zelebriert, zur reinen Unterhaltung Zauberkunststücke vorgeführt, mit Hypnose und Massensuggestion eine Show abgezogen, und er hat Geister beschworen und sicher auch gelegentlich versucht, den Teufel zu zitieren. ... Wo kann Faust seine verschiedenen Fertigkeiten erlernt haben? Die sicherste Antwort ist: Unterwegs. ... Faust, der von seiner Scholarenzeit an unterwegs gewesen sein muss, ist mit Sicherheit auf viele getroffen, von denen er lernen konnte. Das technische Grundwissen für die Erstellung eines Horoskops beherrschte damals jeder, der über Bildung verfügte; denn der Vorgang als solcher war nicht schwieriger als einen Tisch zu decken. Was dann allerdings mit diesem Grundwissen tatsächlich zustandekam, das hing von der Begabung und Bildung jedes einzelnen ab. ... Zaubertricks und Tricks über die Wahrsagerei konnten sich die Praktiker gegenseitig unterwegs auf den endlosen Märschen und Ritten beibringen. Zu alledem brauchte man ein relativ kleines Grundwissen, aber sehr viel Geschicklichkeit in der Präsentation. Die Leute wollten nicht wissen, wie etwas funktioniert, sie wollten Wunder sehen. Denn Wunder brachten Hoffnung vor allem in den erbarmungslosen Alltag auf dem Land. Faust hat mit Sicherheit eine ungewöhnlich rasche Auffassungsgabe besessen. Seine hypnotischen und suggestiven Fähigkeiten wird er selbst bei seinen frühen Auftritten als fahrender Scholar schon erkannt haben, und dabei wurden ihm gewiss auch die Macht eines Wundermannes und die Gefahren, denen er ständig ausgesetzt war, deutlich vor Augen geführt. Deshalb musste er daran interessiert sein, eine möglichst vielfältige Palette von Wundermöglichkeiten anbieten zu können. Ausgesprochen nützlich und ruffördernd waren da medizinische Wunder, die wirkliche Heilung von Leiden brachten. Faust hat sich nach dem Zeugnis des Wormser Arztes Philipp Begardi in der Tat auch als zweifelhafter Arzt, also als eine Art Wunderheiler betätigt.“ [Conradt/Huby, S. 88ff.] „Der Umgang mit Zauberei nach der Art Fausts war ihm [Agrippa von Nettesheim] sicher ebenso geläufig, wie Tritemius’ Steganographie. Aber im Unterschied zu Faust und Trithemius war der weit gereiste und umfassend gebildete Agrippa von Nettesheim stets auch von Zweifeln geplagt, ob denn das alles so seine Richtigkeit haben konnte. Er hatte auch gelernt, so genannte wissenschaftliche Tatsachen nicht einfach hinzunehmen, sondern nach Beweisen zu suchen. Und so veröffentlichte er zwischen der Fertigstellung der ersten handschriftlichen Fassung seiner De occulta Philosophia 1510 und deren Drucklegung 1533 eine ganze Reihe anderer Schriften, in denen seine Skepsis gegen alle Naturwissenschaften und die Künste der Magie voll durchbrach. 1528 erschien sein Buch Über die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften. Darin verwirft Agrippa alle Künste und Wissenschaften seiner Zeit und zeigt eine Fülle von Beispielen widersprüchlicher Äußerungen wissenschaftlicher Autoren. Mit den Medizinern und Pharmazeuten geht er hart ins Gericht, und auch an der Magia naturalis lässt er keinen guten Faden. Er vermittelt den Eindruck eines Mannes, der lange gesucht und wenig gefunden hat, außer der Tatsache, dass die Wissenschaft verlogen, die Künste verdorben, die Gelehrten Scharlatane sind und der Papst zumindest in seiner Haltung zur Hexenverfolgung nicht unfehlbar sein kann. Plötzlich erscheint er uns als jener Wahrheitssucher, den wir von Goethe her kennen und der bei Goethe den Namen Doktor Faust trägt. Goethe hat, wie man weiß, die oben erwähnte Schrift Agrippas Über die Eitelkeit und Unsicherheit aller Wissenschaften gekannt und seinen Satz aus diesem Buch fast wörtlich in seinem Faust zitiert: »... Und sehe, dass wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen.«“ [Conradt/Huby, S. 227]
„Nicht mehr als neun zeitgenössische Dokumente stehen zur Verfügung, um das Bild der biographischen Faust-Gestalt zu zeichnen, und die meisten sind von lächerlicher Kürze und von einer nur schwer zu messenden Aussagekraft.”[S. 12]
„Andere Schriftsteller [...] vermengten diesen [Namen] aber mit einer anderen historischen Gestalt, die sowohl eine Namensähnlichkeit mit unserem Faust aufwies als auch eine Gemeinsamkeit in der Berufsbezeichnung – oder genauer im »Spitznamen«: Es handelte sich ausgerechnet um den Buchdrucker der ersten Stunde; Johann Fust aus Mainz. Die Berufsbezeichnung für das Gewerbe der Buchdrucker lautete ebenso »Schwarzkünstler« wie für jene Leute, die sich mit der Schwarzen Magie abgaben. »Schwarzkünstler« nannte man die Buchdrucker vor allem deswegen, weil sie etwas produzierten, was man »schwarz auf weiß... nach Hause tragen« kann, wie es der Schüler in Goethes Faust ausdrückt. Doch zusätzlich zu dieser Erklärung des Wortes »Schwarzkünstler« spielt noch etwas mit herein, was schon sehr wahlverwandt in die Richtung des Volksbuch-Faust verwies: Als in der Mitte des 15. Jahrhunderts plötzlich Bücher auftauchten, die einander glichen, wie ein Ei dem anderen, bei denen man also keinerlei Unregelmäßigkeiten und Abweichungen feststellen konnte, da lag es – in Unkenntnis der neuen Erfindung – nahe, dies für ein Werk des Teufels zu halten. Bisher waren die Bücher von Hand geschrieben worden, von regelrechten Betrieben berufsmäßiger Schreiber, und dabei hatte man immer von der Handschrift und deren Besonderheiten her ein Buch vom anderen
unterscheiden können, selbst denn, wenn zwei gleiche Titel vom selben
Schreiber stammten. Nun aber hatte man etwas vor sich, was für die damalige
Zeit unerklärlich, wunderbar oder – ein Teufelswerk sein musste.” [S. 15f.]
„Es sind
noch vergleichsweise harmlose Geschichten, die noch mit direktem Bezug zu Faust
erzählt und erhalten sind. Ob sie die spätere Legendenbildung mit ausgelöst
oder auch nur beeinflusst haben, ist unwahrscheinlich. Denn während Männer wie
Melanchthon, der Faust als einen »Zauberer und ein ungeheuerliches Tier«
bezeichnet hat, noch aufschrieben, was sie erfahren hatten, um die Jugend zu
warnen, ... woben andere längst an den Sagengeschichten über ihn.“ [Conradt/Huby,
S. 254]
„… ganz
gewiss aber zu Ende des 16. Jahrhunderts – in Widmans 1599 erschienenem
Volksbuch voll christlicher Ermahnungen – und noch mehr in den folgenden
Jahrhunderten wurde der historische Faust zum Sammelbecken für Anekdoten,
Histörchen und Sagen unterschiedlichster Herkunft.“ [Mahal, S. 23]
„Von Faust
hatte man nichts Neues zu berichten, aber die Figur war noch so lebendig und in
jedermanns Erinnerung, dass man Streiche und Abenteuer, Zaubereien und
Gaukeleien, die man von irgendwo her hörte, leicht an ihm festmachen konnte.“ [Conradt/Huby,
S. 254]
„Fausts
Name wurde geradezu zu einer Metapher für Menschen und Vorgänge, geheime
Aktionen und heimliche Sehnsüchte, zu einem Amalgam, in welches sich recht
wahllos vermengen und verquirlen ließ, was man bis dahin dem einen oder anderen
angehängt hatte, was aber nun an dem Namen festgemacht wurde, der in seiner
latinisierten Form »Faustus« der »Glückliche« hieß.” [Mahal, S. 23]
„Sein
Bekanntheitsgrad stieg. Er wurde eine Art Held, trotz – vielleicht auch gerade
wegen – seiner vermeintlich negativen Seiten.“ [Conradt/Huby, S. 254]
„Faust kam
bereits vor 1540 »in Mode« und erhielt die Funktion eines »Magneten«; er zog
also die verstreut kursierenden Geschichten auf sich und wurde sozusagen von
allein immer berühmter. Dass dieser Ruhm über »alle Landtschafft, Fürstenthumb
und Königreich« verbreitet und ebenso groß gewesen sei wie der des Paracelsus,
ist vom nüchtern urteilenden Wormser Stadtarzt Philipp Begardi zuverlässig
verbürgt.” [Mahal, S. 34]
Und „nicht
erst im 19. Jahrhundert [...] hat man den Nachweis dafür erbracht, dass nahezu
alle über Faust kursierenden Geschichten längst vor ihm von anderen berichtet
worden waren: von Zauberern, Teufelsbündlern und ähnlichen Gestalten, die von
der Norm abwichen und deswegen an den Wirtshaustischen und in den Spinnstuben
fortlebten.” [Mahal, S. 33]
„Dass dem
Teufelskerl Faust die Geschichten seiner Vorläufer nur so zuflogen, dass er von
Papst Silvester II. oder auch von Agrippa den schwarzzottigen Hund, von Roger
Bacon die Laterna magica, dass er – paradox genug – von seinem ersten Kritiker
und Verdammer Trithemius eine komplette Teufelsbeschwörung »erbte« und dazu
noch Dutzende weiterer Histörchen, die man sich vordem von ganz anderen erzählt
hatte und die sich nun mit seinem, mit Fausts Namen verketteten: das lag im
Automatismus seines immer mehr wachsenden Ruhms.” [Mahal, S. 35]
„Faust –
dieser Name wurde schon bald nach 1500 und lange vor dem Tod seines Trägers zu
einer Art Markenartikel, der für Abwegig-Geheimnisvolles und
Magisch-Diabolisches stand; zu einem Markenartikel, dessen Haupteigenschaft man
zu kennen meinte, nämlich die Teufelsbündlerei. Aber weil dies nur ein
sensationelles Kürzel war, eine neugierig machende Schlagzeile, suchte und fand
man Begleittext; und die unwahrscheinlichsten Geschichten »passten« am
ehesten.” [Mahal, S. 37f.]
„Faust ist
ein Leben lang herumgezogen. Wo er ankam, beeindruckte er die Leute als
Wunderheiler und Wahrsager, Alchimist und Astrologe oder auch als Hypnotiseur –
je nach Bedarf. So verdiente er seinen Lebensunterhalt. Schon als 25-jähriger
war er landauf, landab für Hoch und Niedrig ein Begriff. Sein Erscheinen galt
als Ereignis, als spektakuläre Unterbrechung der laufenden Ordnung. Sicher hat
Faust nie die Grenzen der Erkenntnis gesprengt, aber doch wohl ziemlich
regelmäßig die starren Grenzen der bürgerlichen Welt.“ [Conradt/Huby, S. 8f.]
„Faust hat
wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen das zerstückelte Reich des Kaisers
Maximilian und dessen Nachfolgers Karl V. durchreist.
…
Die Zahl
der Grenzen, die er in diesen vier Dekaden überschritten hat, lassen sich nicht
zählen.
Rund 350
Staaten gab es seinerzeit: Kurfürstentümer, Herzogtümer, Fürstentümer,
Grafschaften, Markgrafschaften, Ländereien der Erzbischöfe, Bischöfe,
Klosterländereien und Reichsstädte. Und sie alle waren »Staatsgebilde« mit
einer eigenen Gerichtsbarkeit, deren Spruch zwar durch das Reichsgericht
aufgehoben werden könnte, die aber zumeist unangefochten und endgültig Recht
sprachen. Für einen Mann wie Faust mögen diese Zustände durchaus angenehm
gewesen sein. Denn er nahm sich eine Menge heraus und musste deshalb öfter
einmal mit gerichtlicher Verfolgung rechnen.“ [Conradt/Huby, S. 56]
„Wenn
Faust ging, gab es selten jemanden, der ihn gehalten hätte. Ein umtriebiger
Unternehmer in Sachen Magie wie Faust brachte zunächst immer eine äußerst
willkommene Abwechslung vom tristen Alltag. Den Hütern der Regeln aber wurde er
rasch lästig.
Ob ein
Mann wie Faust sich in ein Kloster einlogieren konnte, in einem Dorf verweilte,
an einem Hof zugelassen wurde, in einer verwalteten Stadt die Genehmigung zur
Darstellung seiner Künste bekam – immer war er der Mann, dem man ein
außergewöhnliches Verhalten abverlangte. Kurze Zeit später aber war er wieder
derjenige, dem man sein außergewöhnliches Verhalten ankreidete.
So ist es
verständlich, dass Faust, nachdem er diesen unabänderlichen Rhythmus erkannt
hatte, so oft wie möglich versuchte, sich einen starken Abgang zu verschaffen.
Solche Abgänge haben ihm wohl auch Mut und Kraft für die Reise gegeben.“ [Conradt/Huby,
S. 124]
„In den
Jahren nach 1509 zeigen die spärlichen Quellen Faust fast immer im Umkreis von
Universitäten und zwar interessanterweise in der Nähe jener Hochschulen, an
denen die neue Bewegung des Humanismus am weitesten vorangekommen war. Zu ihnen
gehörten Heidelberg, Ingolstadt und Erfurt – allesamt Stationen Fausts während
der Hochzeit des Humanismus.“ [Conradt/Huby, S. 68]
„Wohl bereits zu Lebzeiten, ganz gewiss aber zu Ende
des 16. Jahrhunderts – in Widmans 1599 erschienenem Volksbuch voll
christlicher Ermahnungen – und noch mehr in den folgenden Jahrhunderten wurde
der historische Faust zum Sammelbecken für Anekdoten, Histörchen und Sagen
unterschiedlichster Herkunft. Fausts Name wurde geradezu zu einer Metapher
für Menschen und Vorgänge, geheime Aktionen und heimliche Sehnsüchte, zu
einem Amalgam, in welches sich recht wahllos vermengen und verquirlen ließ,
was man bis dahin dem einen oder anderen angehängt hatte, was aber nun an dem
Namen festgemacht wurde, der in seiner latinisierten Form »Faustus« der
»Glückliche« hieß.” [S. 23]
„Faust kam bereits vor 1540 »in Mode« und erhielt die
Funktion eines »Magneten«; er zog also die verstreut kursierenden Geschichten
auf sich und wurde sozusagen von allein immer berühmter. Dass dieser Ruhm
über »alle Landtschafft, Fürstenthumb und Königreich« verbreitet und ebenso
groß gewesen sei wie der des Paracelsus, ist vom nüchtern urteilenden Wormser
Stadtarzt Philipp Begardi zuverlässig verbürgt.” [S. 34]
Und „nicht erst im 19. Jahrhundert [...] hat man den
Nachweis dafür erbracht, dass nahezu alle über Faust kursierenden Geschichten
längst vor ihm von anderen berichtet worden waren: von Zauberern,
Teufelsbündlern und ähnlichen Gestalten, die von der Norm abwichen und
deswegen an den Wirtshaustischen und in den Spinnstuben fortlebten.” [S. 33]
„Dass dem Teufelskerl Faust die Geschichten seiner
Vorläufer nur so zuflogen, dass er von Papst Silvester II. oder auch von
Agrippa den schwarzzottigen Hund, von Roger Bacon die Laterna magica, dass er
– paradox genug – von seinem ersten Kritiker und Verdammer Trithemius eine
komplette Teufelsbeschwörung »erbte« und dazu noch Dutzende weiterer
Histörchen, die man sich vordem von ganz anderen erzählt hatte und die sich
nun mit seinem, mit Fausts Namen verketteten: das lag im Automatismus seines
immer mehr wachsenden Ruhms.” [S. 35]
„Faust – dieser Name wurde schon bald nach 1500 und
lange vor dem Tod seines Trägers zu einer Art Markenartikel, der für
Abwegig-Geheimnisvolles und Magisch-Diabolisches stand; zu einem
Markenartikel, dessen Haupteigenschaft man zu kennen meinte, nämlich die
Teufelsbündlerei. Aber weil dies nur ein sensationelles Kürzel war, eine
neugierig machende Schlagzeile, suchte und fand man Begleittext; und die
unwahrscheinlichsten Geschichten »passten« am ehesten.” [S. 37f.]
kurze Übersicht über bekannte Stationen Fausts
„Fausts genaues Geburtsjahr ist ebensowenig bekannt wie
das Jahr, in dem ihn angeblich der Teufel holte. Es hat sich allgemein
eingebürgert, seine Lebenszeit von 1480 bis 1540 anzusetzen.” [S. 40]
„1492 [...]
wird den Mauren Granada abgenommen – die vertriebenen Araber hinterlassen ein
nicht zu überschätzendes Erbe in Bereichen, die für den historischen Faust
wichtig werden: Medizin, Astrologie, Alchemie und Magie...” [S. 44]
„1493 [...]
wird im Schwyzer Wallfahrtsort Einsiedeln gegen Ende des Jahres der später
mit Faust oft in einem Atemzug genannte Theophrastus Bombastus von Hohenheim
geboren, der sich den Namen Paracelsus geben wird...” [S. 44]
„1497 [...]
kommt in Bretten bei Pforzheim Philipp Schwarzerd zur Welt, dessen schwäbischer
Name von seinem berühmten Großonkel Johannes Reuchlin der humanistischen Mode
gemäß zu Melanchthon gräzisiert wird.” [S. 45]
„Am 20. August 1507
schreibt der soeben aus seinem Kloster Sponheim vertriebene Abt Johann
Trithemius an den Heidelberger Hofastrologen Johann Virdung einen
ausführlichen Brief, in dem von Faust die Rede ist; der Brief des Abtes ist
das erste, längste und folgenreichste Zeugnis über Faust, das dessen Bild bis
heute prägt. [...] Der Abt [...] hat [darin] [...] ein ganzes Register von
Selbstanpreisungen zusammengetragen, die Faust als einen in allen
Modewissenschaften seiner Epoche versierten Könner erscheinen lassen: in der
Alchemie, in der mantischen Wahrsagerei, in humanistischer Belesenheit oder
in der Astrologie. Dieser Faust hat ganz augenscheinlich sein Pensum gelernt,
wenn auch kaum auf dem akademischen Terrain einer eben erst gegründeten
Universität: Er spielt auf der Klaviatur seiner Zeit, wenn er sich mit
greller Propaganda und mit dreistem Selbstbewusstsein als Meister alles
Möglichen und insbesondere des geheimen Wissens einführt. Faust hält sich
wohl vornehmlich im angestammten süddeutschen Raum auf; während die
seefahrenden Nationen den weiten Globus vermessen und die Humanisten oft
ausgedehnte Bildungsreisen unternehmen, bleibt er im heimischen Bereich und
macht spektakuläre und zugleich dunkle Geschäfte mit dem Obskuren.” [S. 48]
„1513 wird
Faust in einer Erfurter Kneipe von dem Gelehrten Mutianus Rufus bei seinen
Prahlereien beobachtet.” [S. 49]
„1516 hält
Faust sich möglicherweise im Knittlingen nahen Maulbronn auf, um dem
hochverschuldeten Abt Entenfuß durch seine Goldmacherkünste wieder zu
finanziellem Kredit zu verhelfen.” [S. 50]
„1520 stellt
[Faust] dem Bamberger Fürstbischof Georg III. ein Geburtshoroskop und wird
dafür äußerst großzügig mit zehn Gulden honoriert. [...] Der Aufenthalt bei
dem Bamberger Kirchenfürsten [...] widerlegt Trithemius und Mutianus Rufus,
die Faust lediglich bei der dummen Masse erfolgreich sehen wollten. Ferner
widerlegt Fausts Engagement in Bamberg seine vorschnelle Aburteilung als
Teufelsbündler: den Umgang mit einem solchen Paktierer hätte sich Georg III.
gewiss nicht erlaubt. An seinem Hof musste Faust mit dem zeitgenössischen
Kunstschaffen ebenso in Berührung kommen wie mit der Problematik des heftig
tobenden Konfessionsstreites, außerdem mit den wissenschaftlichen und
technischen Errungenschaften, die an dem fürstbischöflichen Hofe durch die
engen Verbindungen mit Nürnberg eingeführt waren.” [S. 50 f.]
„1523 sterben
Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen, der 15 Jahre zuvor Faust als
Schulmeister in Kreuznach eingestellt hatte.” [S.
51]
„[1526] wird
eine Expedition nach Venezuela ausgerüstet, an der Philipp von Hutten
teilnimmt, der sich vor der Fahrt von Faust eine Voraussage über den Ausgang
der Reise stellen lässt.” [S. 53]
„1528 ist
Fausts Aufenthalt innerhalb von zwei Wochen in Rebdorf bei Eichstätt und in
Ingolstadt belegt.” [S. 53]
„1530 beginnt
Fausts letzte Lebensdekade. Wie der aus bäuerlichem Milieu Stammende sich im
vorangegangenen Jahrzehnt zur schließlich ergebnislosen Erhebung der Bauern
stellt, bleibt von den Quellen her ebenso unklar wie seine Haltung zur
Reformation. [...] In einer Ära von Blut und Tränen, die lange Totenlisten zu
führen hat, findet man keine Tinte für einen Mann, dem offenbar jene Dinge am
wichtigsten sind, die jenseits der normalen Wirklichkeit liegen. Fausts
mündlich tradierter Ruhm steigt in diesen Jahren. Geschriebene oder gedruckte
Propaganda braucht er nicht.” [S. 53 f.]
„1536
erkundigt sich der Tübinger Altphilologe Joachim Camerarius bei seinem
Würzburger Freund Daniel Stibar nach Fausts Prognosen über den neu
entflammten dritten Krieg zwischen Kaiser Karl V. und Franz I. von
Frankreich.” [S. 54]
„1539 findet
sich im Index Sanitatis des Wormser Stadtarztes Philipp Begardi als Fausts
schriftliches Porträt das Bild eines ärztlichen Scharlatans und Großmauls.” [S. 54]
„1540
berichtet Philipp von Hutten aus Venezuela, dass Fausts Vorhersage eines
bösen Ausgangs der Expedition eingetroffen sei.” [S. 54]
„Faust stirbt um 1540 in Staufen im Breisgau. Nach dem
Zeugnis Philipp Begardis kann sich sein Ruhm um diese Zeit mit dem des
Paracelsus messen. [...] Die Tatsache seines gleichwohl riesigen Ruhmes ist
umso erstaunlicher, als in seiner Zeit die Köpfe von anderen Meldungen voll
sein mussten: von Kriegen und Aufständen, von Entdeckungen und Erfindungen,
von religiösen Umbrüchen und Schwarmgeistereien, vom Aufschwung der Künste
und der Wissenschaften, von den Scheiterhaufen der Inquisitoren, von schäbigen
Judenverfolgungen, von stolzer Universitätsgelehrsamkeit, vom humanistischen
Lobpreis der Alten, von päpstlicher Verworfenheit und calvinistischer
Sittenstrenge, von der Furcht vor Kometen, der Pest und der Syphilis, von
Gold und von neuen Gewürzen, von verschuldeten Potentaten und in Geld
schwimmenden Fuggern, vom anti-römischen Revolutionär und pro-fürstlichen
Bauernfeind Luther, von schellenklingelndem Narrentum und asketischer Arbeit
im Gelehrten-»Gehäus«.
Sich trotz all dieser aufmerksamkeitsheischenden
Geschehnisse noch bemerkbar zu machen, bedeutete keine Kleinigkeit. Da musste
einer wie Faust schon wirklich aus dem Rahmen Fallendes leisten, wollte er
bei all jenen Schlagzeilen nicht untergehen im Kleingedruckten, das heute
gelesen, morgen längst vergessen war. Da musste er auf seinen Spezialgebieten
der Astrologie, der Alchemie und der Magie schon ganz und gar
Überdurchschnittliches leisten, um sich von seiner buntscheckigen
Kollegenschaft abzuheben, die wie er mit den Ängsten und dem Aberglauben der
Leute ihr Geschäft zu machen versuchte. Da musste er wohl auch das Spiel
beherrschen, mit den öffentlichen Sehnsüchten und Superlativen seiner Epoche,
genauso, wie er mit den geheimsten und okkultesten und verbotensten Neigungen
und Gelüsten zu spielen verstehen musste. Fausts Existenz ist lediglich durch
einige Sätze verbürgt; dass er gleichwohl bereits zu Lebzeiten immensen Ruhm
genoss und wohl schon vor 1540 zur Legende wurde, kennzeichnet sein Leben als
das eines Menschen auf der Kippe zwischen lautem Getön und verschwiegener
Ungreifbarkeit. Faust hatte sein Leben lang mit Geheimnissen zu schaffen; und
das Geheimnis um seine nur punktuell greifbare Biographie hat er wohl selbst
bestimmt.” [S. 55/57]
„Nicht
mehr als neun zeitgenössische Dokumente stehen zur Verfügung, um das Bild der
biographischen Faust-Gestalt zu zeichnen, und die meisten sind von lächerlicher
Kürze und von einer nur schwer zu messenden Aussagekraft.” [Mahal, S. 12]
zeitgenössische Zeugnisse
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[Abbildung
2 (S. 62 f.)] Brief des Abtes Johannes Trithemius an Johann Virdung vom 20.
August 1507 (Rom, Vatikanische Bibliothek)
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„»Jener Mensch, über welchen du mir schreibst, Georg
Sabellicus, welcher sich den Fürsten der Nekromanten zu nennen wagte, ist ein
Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch, würdig
ausgepeitscht zu werden, damit er nicht ferner mehr öffentlich
verabscheuungswürdige und der heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren
wage. Denn was sind die Titel, welche er sich anmaßt, anders als Anzeichen
des dümmsten und unsinnigsten Geistes, welcher zeigt, dass er ein Narr und
kein Philosoph ist! So machte er sich folgenden, ihm konvenierenden Titel
zurecht: Magister Georg Sabellicus Faust der Jüngere, Quellbrunn der
Nekromanten, Astrolog, Zweiter der Magier, Chiromant, Aeromant, Pyromant,
Zweiter der Hydromantie. – Siehe die törichte Verwegenheit des Menschen;
welcher Wahnsinn gehört dazu, sich die Quelle der Nekromantie zu nennen! Wer
in Wahrheit in allen guten Wissenschaften unwissend ist, hätte sich lieber
einen Narren denn einen Magister nennen sollen. Aber mir ist seine
Nichtswürdigkeit nicht unbekannt. Als ich im vorigen Jahre aus der Mark
Brandenburg zurückkehrte, traf ich diesen Menschen in der Nähe der Stadt
Gelnhausen an, woselbst man mir in der Herberge viele von ihm mit großer
Frechheit ausgeführte Nichtsnutzigkeiten erzählte. Als er von meiner
Anwesenheit hörte, floh er alsbald aus der Herberge und konnte von niemandem
überredet werden, sich mir vorzustellen. Wir erinnern uns auch, dass er uns
durch einen Bürger die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit, welche er
dir gab, überschickte. In jener Stadt erzählten mir Geistliche, er habe in
Gegenwart vieler gesagt, dass er ein so großes Wissen und Gedächtnis aller
Weisheit erreicht habe, dass, wenn alle Werke von Plato und Aristoteles samt
all ihrer Philosophie durchaus aus der Menschen Gedächtnis verloren gegangen
wären, er sie wie ein zweiter Hebräer Esra durch sein Genie sämtlich und noch
trefflicher wiederherstellen wolle. Als ich mich später in Speyer befand, kam
er nach Würzburg und soll sich in Gegenwart vieler Leute mit gleicher
Eitelkeit gerühmt haben, dass die Wunder unseres Erlösers Christi nicht
anstaunenswert seien; er könne alles tun, was Christus getan habe, so oft und
wann er wolle. In den Fasten dieses Jahres kam er nach Kreuznach, wo er sich
in gleicher großsprecherischer Weise ganz gewaltiger Dinge rühmte und sagte,
dass er in der Alchemie von allen, die je gewesen, der Vollkommenste sei und
wisse und könne, was nur die Leute wünschten. Während dieser Zeit war die
Schulmeisterstelle in gedachter Stadt unbesetzt, welche ihm auf Verwendung
von Franz von Sickingen, dem Amtmann deines Fürsten, einem nach mystischen
Dingen überaus begierigen Manne, übertragen wurde. Aber bald darauf begann er
mit Knaben die schändlichste Unzucht zu treiben und entfloh, als die Sache
ans Licht kam, der ihm drohenden Strafe. Das ist es, was mir nach dem
sichersten Zeugnis von jenem Menschen feststeht, dessen Ankunft du mit so
großem Verlangen erwartest.«
(In: Johannes Trithemius,
Epistolae familiares. Haganoae 1536, S. 312 ff.
Original: Rom,
Vatikanische Bibliothek, Pal. Lat. 730, 174r-175r.)” [S. 63 f.]
„Des Trithemius’ Brief an Virdung ist nichts anderes
als ein einziges großes und mit dickem Rotstift markiertes Ausrufezeichen,
ein rigoroses Ultimatum, das unverhohlen an den Corpsgeist einer exklusiven
Bildungselite appelliert, an das verschworene Gruppenbewusstsein einer
humanistischen und magischen Bruderschaft, das keine Ungebildeten und schon
gar keine Halbgebildeten dulden kann – insbesondere keine liederlichen
Taschenspieler wie jenen Faust, dessen Kreuznacher Päderastie-Episode
unvergessen ist, der vor den heiligsten Dingen der Kirche, den Wundern
Christi, nicht zurückscheut, der sich anmaßt, Plato und Aristoteles, die
kostbarsten und verehrungswürdigsten Zeugen antiker Humanität, auswendig zu
können. Den expliziten Vorwurf der Teufelsbündlerei erhebt er jedoch –
merkwürdigerweise – nicht gegen Faust.
Dies ist freilich nicht die einzige Sonderbarkeit im
Brief des Abtes an Virdung. »Die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit,
welche er dir gab«, der magisch-mantische Meisterbrief also, über den Virdung
im vorausgegangenen Schreiben an Trithemius berichtet haben muss – damit kann
nicht[1] der von Trithemius aufgeführte, »ihm konvenierende Titel« gemeint sein:
»Quellbrunn der Nekromanten, Astrologe, Zweiter Magier, Chiromant, Aeromant,
Pyromant, Zweiter in der Wasserkunst.« Denn diesen vollmundigen Katalog hätte
ja Virdung bereits besessen, und es wäre überflüssig gewesen, ihm
»Informationen« zu liefern, die er längst hatte. Nein, hier bastelte
Trithemius, um die Abschreckung seines Briefpartners zu steigern, einen neuen
– Virdung noch unbekannten – Steckbrief zusammen; und er scheute dabei auch
nicht die Attitüde des gefürchteten Hexenjägers, vor dem Faust wie ein Dieb
durchs Hintertürchen Reißaus nimmt, kaum, dass er von der Ankunft des Abtes
in Gelnhausen hört.
Was Virdung in Händen hatte und was Trithemius vertraut
war, jene »schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit« – das war vermutlich
eine Art Inhaltsverzeichnis oder Programmfolge, so etwas wie ein
Theaterzettel. Einen solchen Zettel mit einer Tabelle seiner vielfältigen
Künste, eine derartige zusammenfassend und marktschreierisch formulierte
Selbstankündigung brachte Faust – wahrscheinlich gedruckt – unter die Leute.
Denn er war auf Werbung angewiesen, solange er am Anfang seiner Karriere als
fahrender Magier ein möglichst großes, zahlungswilliges Publikum auf sich
aufmerksam machen musste. In einer Ära ohne Tageszeitungen gehörte Rasseln
zum Geschäft. Wer sich auf Schusters Rappen von Auftritt zu Auftritt
durchschlagen musste, war gezwungen, auf die Pauke zu hauen und auf die
Sensationssucht der Menge zu spekulieren.” [S.
80 f.]
„Schrieb Trithemius wirklich über Faust? Dass er
korrekt berichtete, erscheint jedenfalls als ausgeschlossen: Dazu lag das
Nicht-Kennenlernen der beiden zu lange zurück, und dazu roch der angebliche
»Titel« Fausts zu sehr nach Studierzimmer, nach den Notizzetteln zu den
magischen Schriften des Abtes. Beging der für seine phantasievollen Eskapaden
berüchtigte Trithemius Faust gegenüber eine planvoll inszenierte
Geschichtsfälschung?
Oder schrieb Trithemius eher über sich selbst? War ihm
jener Faust mit seinen tollen Versprechungen – ebensolche hatte der Abt ja in
seiner Steganographie gemacht –
gerade recht als Sündenbock, als Zielscheibe, auf die er sämtliche gegen ihn
selbst gerichteten Vorwürfe ab- und umlenken konnte? Meinte er den Verdacht
unerlaubter Magie um so eher loszuwerden, je heftiger er andere Magier
anprangerte, je krampfhafter er sich bemühte, als treuer Sohn der Kirche
anerkannt zu werden?” [S. 83]
„ [...] Faust brachte es [...] fertig, sich mit seinen
Versprechungen magischer Meisterschaft auch bei dem [...] von Johannes
Reuchlin erzogenen Franz von Sickingen [...] interessant zu machen und
Sickingens astrologischen Berater Johann Virdung mit Spannung auf seine
Ankunft zu erfüllen.” [S. 85]
„Ob es sich bei den Titeln tatsächlich um dreiste Selbstanpreisungen
Fausts handelte oder um von dem Abt aus der Erinnerung oder nach einer
Vorlage zusammenstellte oder vielleicht auch frei erfundene Programmpunkte
einer großen magischen Show, ist nicht zu klären.” [S. 88]
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[Abbildung
3 (S. 91)] Brief des Conradus Mutianus
Rufus an Heinrich
Urbanus, 3. Oktober 1513
(Frankfurt/M., Stadt- und Universitätsbibliothek) | „»Vor acht Tagen kam ein Chiromant nach Erfurt,
namens Georgius Faustus Helmitheus Hedelbergensis, ein bloßer Prahler und
Narr. Seine Kunst, wie die aller Wahrsager, ist eitel, und eine solche
Physiognomie leichter als eine Wasserspinne. Die Dummen sind voller
Bewunderung. Gegen ihn sollten sich die Theologen erheben, statt dass sie den
Philosophen Reuchlin zu vernichten suchen.
Ich hörte ihn im Wirtshaus schwatzen; ich habe seine Anmaßung nicht
gestraft; denn was kümmert mich fremde Torheit?« (In: Wilhelmus Ernestus
Tentzelius, Svplementvm Historiae
Gothanae Primvm Conradi Mvtiani Rvfi... Epistolas
Plervnque Ineditas Carmina Et Elegia Complectens. [Bd. 1] lenae 1707, S. 95. Original:
Frankfurt/M., Stadt- und Universitätsbibliothek Cod. lat. oct. 8, fol. 97r.).”
[S. 91]
| „»Rudes admirantur«, heißt es in
seinem Faust-Bericht vom Erfurter Wirtshaustisch: »Die Menge bewundert ihn«,
Faust nämlich, den Chiromanten, der sich »Helmitheus Hedelbergensis« nennt,
den Halbgott aus Heidelberg. Jener mit lauten und tolldreisten Sprüchen und
Späßen aufwartende Mensch konnte natürlich nicht nach des feinen, stillen
Mutianus’ Geschmack sein. Wie dieser sich aufführte, war das Gegenbild des
mutianischen Ideals. Und Fausts Publikum, die »rudes« – auch sie waren genau
diejenigen, die Mutian nicht meinte, wenn er sein Wissen an Auserlesene und
Würdige weitergeben wollte, an Leute also, die nicht in den Schenken hockten
und gafften, sobald ein Schreihals ihnen etwas vorschwatzte.” [S. 94]
„Faust taucht sechs Jahre nach dem
verleumderischen Brief des gelehrten Abtes von Sponheim in der
traditionsreichen Universitätsstadt Erfurt auf. Soweit es unsere wenigen
Quellen erkennen lassen, kommt er damit erstmals mit akademischer
Gelehrsamkeit in Berührung, an einem Ort, der für seine noch junge, aber
bereits sehr kräftige humanistische Strömung bekannt ist, in einer Stadt, in
der er damit rechnen muss, skeptischen und kritischen geistern zu begegnen,
Leuten, die ihm gehobenen Schabernack und großspurige Selbstanpreisungen
nicht abnehmen würden – immer vorausgesetzt, Faust habe tatsächlich dem
vernichtenden Psychogramm entsprochen, das Trithemius in seinem Brief an
Virdung gezeichnet hatte.
Indessen ist es [...] um den Wahrheitsgehalt des
Trithemius-Steckbriefes recht dubios bestellt, und so muss zumindest die
Möglichkeit erwogen werden, ob Faust nicht versucht haben könnte, zu den
Erfurter Universitäts- und Humanistenkreisen Zugang zu gewinnen. Ob man nun
die weitgehende Vermutung äußert, Faust habe sich eine Stelle als
akademischer Lehrer ergattern wollen, oder ob man die bescheidenere
Überlegung anstellt, Faust habe als Gasthörer der Universität Fortbildung
betreiben wollen – in jedem Fall zeigte Fausts Eintreffen in Erfurt sein
Interesse an der geistigen Physiognomie dieser Stadt. Wie lange er sich hier
aufhielt, ist unbekannt. Es mögen nur Tage gewesen sein; es spricht aber
nichts dagegen, auch einen längeren Aufenthalt in Erfurt anzunehmen, wofür
die reiche Sagenbildung um den Erfurter Faust sprechen könnte, vor allem der
vergebliche Bekehrungsversuch des Sünders und Teufelsbündlers durch den Mönch
Dr. Klinge [...].” [S. 103]
„Faust hat
sicher viel Unfug getrieben und musste sich andererseits viel in die Schuhe
schieben lassen, was nicht auf sein Konto ging. Nur auf einem Gebiet behält er
in allen Nachrichten, die wir über ihn haben, eine weiße Weste. In der
Astrologie. Ganz offensichtlich galt er im ganzen damaligen deutschen Reich als
Spitzenastrologe.“ [Conradt/Huby, S. 132]
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[Abbildung
4 (S. 106)] Hofkammerrechnung des
Bischofs Georgs III. von Bamberg, 1520 (Bamberg,
Bayrisches Staatsarchiv)
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„»Item X guld[en] geben und
geschenckt doctor faustus ph[ilosoph]o zuvererung hat m[einem] g[nedigen]
herrn ein nativitet oder Indicium gemacht, zalt am Sontag nach stolastice
Jussit R[everendissi]mus.« (In: Johann Mayerhofer, »Faust beim
Fürstbischof von Bamberg«. In: Vierteljahrsschrift
für Litteraturgeschichte 3, 1890, H. 1, S. 177 f. Original: Bamberg, Bayrisches
Staatsarchiv, Bestand A 231, Nr. 1741.).” [S. 106] „Es wäre müßige Spekulation, wollte man zwischen [Lorenz] Beheim und
Faust, der ja ein Jahr vor dessen Tod in Bamberg auftauchte, eine engere
Beziehung konstruieren. Nimmt man aber die Tatsache zur Kenntnis, dass außer
der Rechnung, die Fausts Horoskop für Georg III. belegt, nichts weiter | über astrologische Neigungen des Bischofs bekannt ist,
so scheint es nicht abwegig, dass der Bischof durch Beheim auf Faust
aufmerksam gemacht und vielleicht sogar mit diesem zusammengebracht worden
sein könnte.” [S. 115]
„Es darf als sicher gelten, dass der umfassend
gebildete und interessierte Bischof Georg III. sich im Alter von knapp 50
Jahren [...] die Nativität nicht von irgendeinem dahergelaufenen Dilettanten
stellen ließ, von einem bloßen Honorarjäger, sondern von einem, der sein
Handwerk beherrschte und dies bereits mehrfach unter Beweis gestellt hatte.
Einem Betrüger aufzusitzen, konnte der Bamberger Bischof durch zuverlässige
Informanten vermeiden, die er in seiner kritischen und abwägenden Art um Rat
hätte fragen können. Wenn es Faust gelang, bei diesem Kirchenfürsten
vorgelassen zu werden, um von ihm ein Konterfei aus den Sternen anzufertigen,
dann musste er erstens als vertrauenswürdig und zweitens als bewährter
Experte in seinem Fach gelten.” [S. 119
f.]
„Vorerst hat man sich aber zu bescheiden mit dem
nüchternen Auszug aus einem Kassenbuch, aus »Hansen Mullers Cammermeysters
Jahrrechnung von walburgis fonffzehnhundert vund im zweintzigsten Jarn«, also
mit dem Jahresauszug vom 25. Februar 1519 bis zum 25. Februar 1520 oder vom
1. Mai 1519 bis zum 1. Mai 1520. Der heiligen Waldburg oder Walpurgis waren
damals zwei Feste zugeordnet [...].
Hans Muller, der die Bücher des Bischofs gewissenhaft
führte, hat in der »Rechnung vom Sontag nach Purificacionis marie vff Sontag
Reminiscere Anno XX« auf der Ausgabenbseite unter »Pro diuersis«
(Verschiedenes) verbucht, dass auf Allerhöchste Anordnung (»Jussit
Reverendissimus«) »am Sontag nach Stolastice« dem Philosophen Doctor Faustus
10 Gulden bezahlt worden seien. Das Fest der heiligen Scholastika wurde am
10. Februar gefeiert, 1520 an einem Freitag. Faust erhielt also sein
generöses Honorar am 12. Februar 1520. Wie viel wert dieses Honorar
tatsächlich war, ist in heutiger Währung auch nicht annäherungsweise
auszudrücken. Fest steht, dass der vom bischöflichen Kammermeister vermutlich
ausbezahlte Reichs- oder Kaiser- oder Konventionsgulden 11,6935 g Feinsilber
und der auch sehr gebräuchliche rheinische Gulden 9,744 g Feinsilber hatte.
Wie der Name schon sagt, war der Gulden eine zunächst »goldgüldene« Münze;
zur Zeit Fausts war man aber überwiegend zur Silbermünze übergegangen. Um
wenigstens einen ungefähren Vergleichswert anzugeben: Der Betrag, den Faust
»zuvererung« erhielt, war so hoch, dass er, umgerechnet auf die damaligen
Lebenshaltungskosten, bei einiger Mäßigkeit mehrere Monate gut damit
auskommen konnte.” [S. 120 f.]
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[Abbildung
5 (S. 122)] Seite aus dem
Wettertagebuch des Priors Kilian Leib vom 5. Juni 1528 (München,
Bayrische Staatsbibliothek)
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„»Georgius Faustus helmstet. sagte am 5. Juni: wenn
Sonne und Jupiter im gleichen Grad eines Sternzeichen stehen, dann werden
Propheten geboren (vielleicht wie seinesgleichen). Er versicherte, dass er
Kommendator oder Präzeptor einer kleinen Niederlassung der Johanniter im
Grenzgebiet Kärntens sei, namens Hallestein.«
(Wettertagebuch des Priors Kilian Leib.
In: Karl Schottenloher, »Der Rebdorfer Prior Kilian
Leib« [Faks.].
In: Rietzler-Festschrift.
Beiträge zur bayrischen Geschichte. Gotha 1913, S. 92 f.
Original:
München, Bayrische Staatsbibliothek, 4°L. impr. c. n. mss. 73, fol. 257r.)”
[S. 122 f.]
„Aus der Notiz in Kilian Leibs Wettertagebuch geht
nicht eindeutig hervor, ob der Prior den »Propheten« selbst traf oder ob er
einen Ausspruch Fausts notierte, den ihm ein Gewährsmann übermittelt hatte.
Ist die letzte Möglichkeit zwar nicht auszuschließen, so ist doch eine
persönliche Begegnung Leibs mit Faust nach all dem, was wir über die Stellung
des Ordensmannes wissen, wahrscheinlicher. Dass sich Faust gerade an Kilian
Leib wandte, wäre dadurch erklärbar, dass er von dessen Beschäftigung mit der
jüdischen Geheimlehre der Kabbalistik und ebenso von seinem zwiespältigen
Verhältnis zur Astrologie wusste. Dazu brauchte Faust nur Leibs Traktate
gegen Luther und über den Bauernkrieg aufzuschlagen. Leibs Aussagen über die
Sterne schwanken nämlich zwischen handfester Kometenfurcht und einer völligen
Leugnung der Macht der Gestirne wie bei Pico della Mirandola. Fand Leib
einerseits für das Unglück der Irrlehren Luthers[2] nur die
Erklärung in einer verheerenden Planetenkonstellation und begründete er ganz
ähnlich den Ausbruch des Bauernkrieges, so war sein Wettertagebuch
andererseits ein empirisch geführter Gegenbeweis wider allen Sternenglauben
und insbesondere gegen die Wetterprophezeiungen der umherwandernden
Astrologen.” [S. 130]
„[...] Kilian Leib konnte Faust jedenfalls als eine
Persönlichkeit erscheinen, die kennen zu lernen sich lohnte, die außer einem
Dach überm Kopf und bescheidener Klosterkost die Bereitschaft zu kompetentem
Gespräch und Erfahrungsaustausch bot. Umgekehrt erlaubt das geistige Profil
des Priors die Annahme, dass er als Empiriker Faust kennen lernen wollte, um
ihn [...] durch eigenen Augenschein zu überprüfen.
Es hat den Anschein, dass es ihm bei der Begegnung mit
Faust – der sich wahrheitswidrig, aber der Situation dienlich als geistlicher
Bruder im Herrn ausgab – nicht ganz geheuer war: Wenn nämlich Faust am 17.
Juni 1528, knapp zwei Wochen nach Kilian Leibs Tagebucheintrag, als Wahrsager
aus Ingolstadt ausgewiesen wurde, dann konnte dies bei den direkten
Verbindungen zwischen Rebdorf und Ingolstadt auch auf Anraten Leibs zustande
gekommen sein. In der Notiz des Wettertagebuchs könnte sogar ein einzelnes
Wort in diese Richtung deuten: Bei einer bestimmten Konstellation würden Propheten
geboren, heißt es da, mit dem Zusatz: »utpote
sui generis«. Dieses »utpote« könnte man spöttisch verstehen: »Ja,
allenfalls Propheten wie seinesgleichen.« Eine solche Interpretation
entspräche der von Leib nicht eben konsequent, aber doch häufig praktizierten
Skepsis gegenüber astrologischen Sätzen.
Es fragt sich aber, ob er eine solche allgemeine
»Weisheit« überhaupt notierenswert gefunden hätte. Mehr scheint dafür zu
sprechen, dass er Fausts Aussage als dessen »astrologische Geburtsurkunde«
auffasste, dass er Fausts Satz wiedergab in einem Sinn, in dem das »utpote« oder »ut puta«[3] nicht
mit dem ironisch-abschätzigen »allenfalls« übersetzt werden muss, sondern: Es
werden Propheten geboren, »nämlich« solche wie er. Es ist sehr wohl denkbar,
dass Faust Leib einen verschlüsselten Hinweis auf seinen Geburtstag geben
wollte, vor allem auf die bei seiner Geburt herrschende, das ganze Leben
bestimmende Planetenkonstellation.” [S. 131 f.]
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[Abbildung
6 (S. 135)] Protokolle des Ingolstädter
Stadtrates, 1528 (Ingolstadt, Stadtarchiv)
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„»Dem warsager soll befolhen werden dass er zu der stat
auszieh und seinen pfennig anderswo verzere.«
»Am mitwoch nach Viti Anno 1528 ist ainem der sich
genant Doctor Jörg Faustus von Haidlberg gesagt dass er seinen pfennig
anderswo verzer, und hat angelobt solche erforderung für die obrigkeit nit ze
enten noch zu äffen.«
(Protokolle der Stadt Ingolstadt.
In: Ostermair, »Zur Faust-Sage. Doctor Faust 1528 in
Ingolstadt«.
In: Oberbayrisches
Archiv für vaterländische Geschichte 32, 1872/73, H. 2/3, S. 336.
Originale: Ingolstadt, Stadtarchiv, Ratsprotokolle,
1523/94 fol. 70v und 1527/30 fol. 49v.)
In einer Sondersparte der Ratsprotokolle von 1528, im
Register der aus Ingolstadt Ausgewiesenen, findet sich der knappe Eintrag, »Doctor
Jörg Faustus von Haidlberg« sei »am mitwoch nach Viti« der Befehl zum
Verlassen der Stadt überbracht worden. Am selben »mitwoch nach Viti« war,
diesmal ohne Namensnennung des Betroffenen, der Ausweisungsbeschluss in einem
anderen Ratsprotokoll festgehalten worden.” [S.
135]
„Der Mittwoch nach Viti war [...] der 17. Juni.
Wie lange sich Faust vor diesem Mittwoch nach dem
Vitusfest 1528 in Ingolstadt aufgehalten hat, ist schwer einzugrenzen. [...]
Einige Tage oder auch Wochen wird sich Faust gewiss in Ingolstadt
aufgehalten haben, bevor der Ratsbeschluss seinem Bleiben ein Ende setzte.
Auch damals pflegten die Mühlen der Behörden langsam zu mahlen [...]. [S. 136]
„Dass Faust mit Vorliebe Orte ansteuerte, die eine Hohe
Schule oder auch ein Zentrum des Humanismus aufwiesen, geht aus unseren
Quellen eindeutig hervor. Und man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt,
dass er solche Städte aufsuchte, um dazuzulernen, um die neuesten
Richtungskämpfe, die methodischen Kontroversen und die jüngsten wissenschaftlichen
Erkenntnisse in Erfahrung zu bringen. Ebenso wahrscheinlich ist es, dass er
mit anerkannten Vertretern jener Disziplinen, für die er sich selbst
zuständig hielt, ins Gespräch kommen oder mit anderen wohlbestallten
Magistern und Lehrstuhlinhabern in Disput treten wollte. All das konnte dazu
dienlich sein, auch aus dem Universitätsbereich oder aus den Kreisen der
Humanisten Leute anzulocken, die seinen Darbietungen neugierig folgten –
insbesondere die jungen Studenten, die mit etwa fünfzehn Jahren die Universitäten
bezogen, meist weltunerfahren waren und noch leichter zu beeindrucken als die
wissenschaftlich Altgedienten, unter denen es freilich Abergläubische und
Wundersüchtige genug gab. Jedenfalls kam und ging Faust als Wanderer, der für
kurze Zeit großes Aufsehen und, wie hier in Ingolstadt, auch Anstoß erregte.
Er kam wohl nicht, um an einer Universität sesshaft zu werden und eine
Lehrtätigkeit aufzunehmen, wie es vermutet wurde; denn dazu wäre ein
akademischer Titel vonnöten gewesen, zumindest der eines Magisters. Ob aber
Faust sich Magister oder gar Doktor nennen durfte, ist aufgrund der
Quellenlage eher zu bezweifeln.
Wenn Faust hier in Ingolstadt als »Doctor von
Haidlberg« auftrat [...], verschaffte er sich natürlich in einer
Universitätsstadt mehr Reputation; dann konnte er als Kollege gelten, als
reisender Akademiker, der vom Neckar kam [...]. Aber die Ingolstädter
Ratsherren hatten offenbar gewisse Zweifel, ob sich da nicht ein landfahrend
wahrsagender Wolf den akademischen Schafspelz nur zum Schein übergestülpt
hatte; denn im Ausweisungsprotokoll ist mit deutlicher Skepsis und Distanz
die Rede von »ainem der sich genant
Doctor Jörg Faustus«. Man hatte also wohl beträchtliche Zweifel an Fausts
universitärem Titelschmuck. Für einen seriösen Mann hielt man Faust bestimmt
nicht und ebensowenig für einen gerngesehenen Gast – dafür war er schon
seiner Profession wegen eine zu schillernde Gestalt. Dass er aber vom Rat der
Stadt ausgewiesen wurde und nicht vom Senat der Hohen Schule, dem die
akademische Gerichtsbarkeit unterstand, auch nicht vom geistlichen Gericht,
das die inquisitorischen Verfahren und vornehmlich die Ketzerfälle
behandelte, spricht dafür, Fausts Wahrsagertätigkeit in Ingolstadt im
nicht-akademischen, kommunalen Rahmen einzuordnen: als eine schließlich mit
der Ausweisung geahndete Unternehmung, die zwar an einem Hochschulort
stattfand, aber ganz in städtische Zuständigkeit fiel.” [S. 138 f.]
„Wurde Faust als »Wahrsager« zum Verlassen der Stadt
verurteilt, so konnte diese Bezeichnung all jene Praktiken umfassen, deren er
sich nach dem Zeugnis des Abtes Trithemius gerühmt hatte [...]; ebenso konnte
die Wahr- und Weissagung aus den Sternen darunterfallen und die schon damals
vorwiegend unter Zigeunern verbreiteten und von ihnen bis heute praktizierten
Wahrsagungsarten aus der Kristallkugel und aus den Handlinien – diese Künste
übte Faust nach dem Zeugnis des Wormser Stadtphysikus Philipp Begardi (1539)
gleichfalls aus.
[...] Faust hatte keine Wahl: Er musste den
Schuldspruch und die auferlegte Strafe akzeptieren und Ingolstadt verlassen,
nicht ohne zuvor Urfehde zu schwören – dies besagt sein Gelöbnis, das Urteil
des Rates »nit ze anten noch zu äffen«.
Dieser formelhafte Ausdruck der Urfehden bedeutete den ehrenwörtlich
ausgesprochenen Verzicht auf Rache oder Regress, also den Schwur, das
verhängte Urteil anzuerkennen, ohne es mit Gewalt gegen Ankläger oder Richter
zu »revidieren.«[4]” [S. 140]
„Heute erinnert an dem Haus Harderstraße Nr. 7 eine
[...] angebrachte Gedenktafel an seinen Aufenthalt. Sie hat folgenden
Wortlaut: »Dr. Jörg Faustus aus
Heidelberg hielt sich 1528 in Ingolstadt auf. So meldet uns das Ingolstädter
Ratsprotokoll vom Mittwoch nach Viti 1528. Glaubwürdiger Überlieferung nach
hat dieser Dr. Jörg Faustus in diesem Haus gewohnt.«” [S.
139]
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[Abbildung 7 (S. 142)] Ratsbeschluss der Stadt Nürnberg, 1532 (Nürnberg, Bayrisches
Staatsarchiv)
„(Geleit-Ablehnung durch die Stadt Nürnberg.
In: Franz Neubert. Vom
Doctor Faustus zu Goethes Faust. Leipzig 1932, S. 16.
Original: Nürnberg,
Bayrisches Staatsarchiv, Verlässe des inneren Rates, aus Nr. 810.)
»Doctor fausto, dem grossen Sodomitten und Nigromantico
zu furr, glait ablainen. Burg[ermeister] Ju[ni]or.«
Das knappste aller zeitgenössischen Zeugnisse über den
historischen Faust gibt trotz (oder auch wegen) seiner Schnörkellosigkeit
einige Rätsel auf. Nicht so sehr wegen der Bezeichnungen, mit denen der
Doktor Faust hier bedacht wird: »Nigromant«, was im strengsten Sinn
Teufelsbeschwörer heißt, ist hier mit einiger Wahrscheinlichkeit wie auch in
vielen anderen Quellen der Epoche statt »Nekromant« gebraucht, und das
bedeutet Totenbeschwörer – andernfalls hätten wir hier die erste und zu
Fausts Lebzeiten einzig notierte Stelle vorliegen, die ihn mit dem Teufel in
Verbindung brächte. »Sodomit«, was im strengen Wortsinn eine der übelsten
Perversionen bedeutet, die Unzucht mit Tieren [...] Solche Prangerformeln
waren schnell zur Hand, wenn es darum ging [...], Rufmord zu betreiben.” [S. 142]
„Was an dem lapidaren Satz aus den »Verlässen des
inneren Rates« mehr als der knappe Steckbrief des Doktor Faust irritiert, ist
das Fehlen jeglicher Begründung für Fausts Bitte um Geleit. Eine solche Bitte
war keinesfalls der Regelfall, wenn man sich 1532 von einer Stadt in eine
andere begeben wollte. Vielmehr war diese Rechtshilfe im Mittelalter dafür
geschaffen worden, um angesichts der unsicheren Verkehrswege gegen Bezahlung
bewaffneten Schutz zu erhalten. Gegen Ende des Mittelalters wies der
Geleitbrief – eine Vorform des Reisepasses – aus, dass sein Inhaber
berechtigt sei, ungehindert eine bestimmte Route zurückzulegen: Mit dem
Geleitbrief kaufte man sich Sicherheit. Eine weitere, rechtsgeschichtlich
nicht sehr häufige, aber doch vereinzelt nachgewiesene Bedeutung des
»Geleits« war die amtliche Garantie, dass jemand ungehindert und ohne Gefahr
einer Festnahme in seine Heimat zurückkehren könne. Daraus entwickelte sich
die juristische Bezeichnung »Geleit« für Gerichtsfrieden, Freistatt. Beide
Wortbedeutungen – Rechtsschutz oder Gerichtsfrieden – können in Fausts Fall
eine Rolle gespielt haben.
Faust wollte nach
Nürnberg – das muss unstrittig sein, wie immer man auch »Geleit«
interpretieren will. Mithin sind all jene Forscher zu korrigieren, die von
einem Aufenthalt Fausts in Nürnberg
1532 sprechen.” [S. 143]
„Die beiden vorausgehenden der insgesamt nur dreizehn
Wörter des Ablehnungsbescheides heißen: »zu furr«. Das kann offenbar nur
übersetzt werden mit »zu Fürth« – jedenfalls stimmen hierin alle neueren
Kommentatoren dieser Stelle überein, und eine andere plausible Erklärung
wurde nicht gefunden. Wir müssen also annehmen, dass sich Faust in Fürth aufhielt und dass er von
dort aus mit seiner Eingabe an den Rat versuchte, nach Nürnberg zu gelangen – wohlgemerkt mit dem gewöhnlich völlig
unnötigen und überflüssigen Geleitbrief.” [S. 147]
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[Abbildung 8 (S. 151)] Brief des Joachim Camerarius an Daniel Stibar, 1536
„»Vor kurzem hatte ich eine sehr schlimme Nacht, als
der Mond dem Mars in den Fischen gegenüberstand. Dein Freund Faust hat es
fertiggebracht, dass ich Gefallen daran finde, diese Dinge mit dir zu
besprechen. Er hätte dich allerdings besser etwas aus dieser Disziplin
gelehrt, als dass er dich aufgeblasen hätte mit dem Windchen hohlsten
Aberglaubens auf dich in Spannung gehalten hätte mit ich weiß nicht was für
Blendwerk. Aber was sagt er uns eigentlich? Was also? Ich weiß nämlich, dass
du dich über all das sorgfältig erkundigt hast. Wird der Kaiser siegen? Das
muss allerdings geschehen.«
(In: Joachim Camerarius, Libellus Novus, Epistolas Et Alia Qvaedam Monvmenta Doctorvm
superioris et huius aetatis complectens. Lipsiae 1568, Bl. 161b-162a.
[Original nicht nachweisbar])” [S. 151]
„Stibar muss sich als intimer Kenner Fausts ausgegeben
haben – nur so ist es verständlich, wenn Camerarius in seinem Brief Faust als
tuus charakterisiert: als »dein
Faust«, »dein vertrauter Freund Faust«.[5] Leider sind die Briefe
Stibars an Camerarius verlorengegangen, sodass Rückschlüsse auf das
Verhältnis des Würzburger Domherrn zu Faust nur aus dem Brief des Tübinger
Professors möglich sind. Das ist umso mehr zu bedauern, als Stibars Bericht
über Faust das einzige Zeugnis dargestellt hätte, in welchem Faust nicht als
Scharlatan oder als Sodomit abgestempelt, sondern aus der Perspektive eines
Freundes und vielleicht sogar eines ehrlichen Bewunderers geschildert worden
wäre. Stibars Urteilsfähigkeit – er war im Hauptberuf Richter – und seine
unbezweifelbar aufrichtige Haltung als treuer Katholik hätten Fausts Bild
korrigiert.” [S. 157]
„Aufs Geratewohl fragte er [Camerarius] bei Stibar
sicherlich nicht an; vielmehr wusste er diesen über Faust genau informiert.
Faust, so können wir annehmen, hielt sich bei Stibar in Würzburg auf – sein
zweiter Aufenthalt in der Bischofsstadt am Main nach jenem Trithemius für das
Jahr 1506 berichteten Gastspiel.” [S. 163]
Aber trotz der Verdammung von Fausts Aberglauben
erscheint dieser in der distanzierten Optik des Tübinger Gelehrten als ein
Mensch, mit dem seriöse Leute wie Stibar unbefangenen, freundschaftlichen,
vielleicht gar intensiven Umgang pflegen können. Ein solches Zugeständnis
steht in beträchtlichem Gegensatz zur totalen Disqualifizierung Fausts durch
Trithemius, zum Nürnberger Image des Gauklers oder zum Bild des
Kneipenschreihalses bei Mutian.” [S. 164]

[Abbildung 9 (S. 165)] Stelle aus Philipp Begardi, Index Sanitatis, 1539.
„»Es wirt noch eyn namhafftiger dapfferer mann
erfunden: ich wolt aber doch seinen namen nit genent haben / so wil er auch
nit verborgen sein / noch unbekant. Dann er ist vor etlichen jaren vast durch
alle landtschafft Fürstenthuomb vnnd Königreich gezogen / seinen namen
jederman selbs bekant gemacht / vnd seine grosse kunst / nit alleyn der
arznei / sonder auch Chiromancei / Nigramancei / Visionomei / Visiones imm
Cristal / vnd dergleichen mehr künst / sich höchlich berümpt. Vnd auch nit
alleyn berümntpt, sonder sich auch eynen berümpten vnd erfarnen meyster
bekant vnnd geschriben. Hat auch selbs bekant / vnd nit geleugknet / daß er
sei / vnnd heyß Faustus, domit sich geschriben Philosophum Philosophorum etc.
Wie vil aber mir geklagt haben, daß sie von jm seind betrogen worden, deren
ist eyn grosse Zahl gewesen. Nuon seyn verheyssen ware auch groß / wie des
Tessali: dergleichen sein rhuom / wie auch des Theophrasti: aber die that /
wie ich noch vernimm, vast klein vnd betrüglich erfunden: doch hat er sich
imm gelt nemen, oder empfahen (das ich auch recht red) nit gesaumpt / vnd
nachmals auch imm abzugk / er hat / wie ich beracht / viel mit den ferßen
gesegnet. Aber was soll man nuon darzuthuon, hin ist hin / ich wil es jetzt
auch do bei lassen / luog du weiter / was du zuschicken hast.«
(Stellungnahme des Wormser Stadtarztes Philipp Begardi.
In: Philipp Begardi, Index
Sanitatis. Eyn Schöns
vnd vast nützlichs Büchlin, genant Zeyger der gesundtheyt. Wormbs
1539, Bl. XVIIa.)” [S. 165 f.]
Der Haupttitel, den Faust sich nach Begardis Bericht
zulegte, hatte mit der Medizin nur sehr entfernt zu tun: Er nannte sich »philosophus philosophorum«,
bezeichnete sich also mit einem nicht mehr zu überbietenden Superlativ, wie
etwa Nürnberg die »Stadt deutscher Städte« sein wollte oder heute noch die
Bibel als das »Buch der Bücher« gilt.
Die Stelle über Faust findet sich im vierten Kapitel,
das Begardi überschrieb: »Von den bösen ungeschaffenen, untüglichen,
trugkhaftigen, unnützen, und auch ungelarten ärtzten usw. und auch, wo bei
man sie erkennen mag.« Faust ist also für den Wormser Stadtphysikus das
Paradebeispiel eines gefährlichen medizinischen Dilettanten, eines
betrügerischen Strolchs, eines vorgeblichen Alleskönners, der sich als
Universalgenie anzupreisen und natürlich die Dummen haufenweise auf seinen
Leim zu locken versteht. Ob Begardi Faust jemals selbst und aus der Nähe
gesehen hat, ist seinem Text nicht zu entnehmen; wahrscheinlich kannte er den
Vielgereisten nur vom Hörensagen. Dass ein Mann wie Faust ihm als
zweifelhafte Figur erscheinen musste, ist klar. Wenn er seine Kollegen dazu
ermahnt, Charakterfestigkeit und äußerste Zurückhaltung an den Tag zu legen,
denn kann er nicht anders, als den laut auf die Pauke hauenden und kräftig
Eigenwerbung betreibenden Faust zum schlechthin exemplarischen Fall von einem
Quacksalber zu stempeln. [...]
Wir erinnern uns: Den Titel des Philosophen hatte
Trithemius 1507 Faust ausdrücklich versagt, in der Bamberger Kammerrechnung
war dieser Titel aber als Fausts alleinige »Berufs«-Bezeichnung aufgetaucht,
und auch Philipp von Hutten verwendet später wieder dieses Wort. Hier, bei
Begardi, 1538/39, begegnet es uns in seiner höchsten Steigerungsform: Es mag
viele Philosophen geben, so ist es zu übersetzen, aber ich bin der größte von
allen! Wenn Faust tatsächlich diesen Titel gebrauchte, denn behauptete er
nicht weniger, als ein neuer, ein zweiter, ja, ein bedeutenderer Aristoteles
zu sein. Denn dem griechischen Denker hatte das ausgehende Mittelalter jenen
einmaligen Ehrentitel zuerkannt als Ausdruck der Bewunderung und der
Dankbarkeit gegenüber diesem Erzvater der Weisheit. Nach Trithemius soll sich
allerdings auch ein Italiener namens Johannes, der um die Jahrhundertwende am
Hof des französischen Königs lebte, denselben Titel eines »philosophus
philosophorum« zugelegt und erklärt haben, alles menschliche Wissen zu
besitzen. Dass Faust mit demselben ungeheuerlichen Titelanspruch auftrat,
passte nur zu gut in das übrige Bild.” [S. 168 f.]

[Abbildung 10 (S. 180)] Brief Philipp von Huttens aus Coro in Venezuela an seinen
Bruder
Moritz, Bischof von Eichstätt, vom 16. Januar 1540.
„»Hie habt ihr von allen Gubernationen ein wenig, damit
ihr sehet, daß wir hie in Venezola nicht allein bißher unglücklich gewest
sein, diese alle obgemelte Armata verdorben seind jinnerhalb 3. Monathe, vor
und nach uns zu Sevilla ausgefahren, daß ich bekennen muß, daß es der
Philosophus Faustus schier troffen hat, dann wir ein fast bößes Jahr
antroffen haben, aber Gott hab Lob ist uns fast unter allen andern am besten
gangen.«
(In: »Zeitung aus India. Aus seiner, zum Theil
unleserlich gewordenen Handschrift«.
In: Historisch-litterarisches
Magazin. Hrsg. von Johann Georg Meusel. Th. 1. Bayreuth und Leipzig 1785,
S. 93 [Original verschollen.])” [S. 180]
„Wenn Stibar Faust tatsächlich schon 1534 kannte und
schätzte, wenn er in diesem Jahr eine Prognostikation für Philipp von Hutten
bei Faust in Auftrag gab, dann hat er sicherlich bei seinem Frühjahrsbesuch
1536 in Tübingen Camerarius ausführlich von Faust erzählt und nicht allein
brieflich einige Bemerkungen über Fausts astrologische und sonstige
Fähigkeiten eingestreut. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er denn dem
Tübinger Professor, der schon zwei Jahre zuvor, noch als Gymnasialrektor in
Nürnberg, seine Prognostikation für Philipp von Hutten in lateinische Verse
gebracht hatte, auch von Fausts düsterer Vorhersage für ebendenselben
berichtet; vielleicht auch davon, mit welchen nichtastrologischen Methoden und
Praktiken diese Vorhersage zustande gekommen war. So konnten nämlich sowohl
die Tatsache als auch die Art von Fausts Vorhersage in Camerarius unwillige
Konkurrenzgefühle erwecken, die er dann in dem uns vertrauten Brief an Stibar
vorwurfsvoll abreagierte: ›Astrologie‹, so kann man seine Zeilen deuten, ›das
mag ja hingehen, die betreibe ich auch, dagegen ist nichts einzuwenden. Aber
alles andere – die Mantiken, das Kristallgucken, die Zwiesprache mit
Verstorbenen – geht entschieden zu weit: Das ist schwärzester Aberglaube!‹” [S. 181]
„Wenn er nun am 16. Januar 1540 seinem Bruder Moritz
schrieb, »daß ich bekennen muß, daß es der Philosophus Faustus schier troffen
hat, dann wir ein fast böses Jahr antroffen haben«, dann kann sich diese
Angabe kaum auf das eben vergangene Jahr beziehen, wie einige Interpreten
dieses Textes angenommen haben. Andere vermuteten, es müsse sich um das Jahr
nach der Ausfahrt Philipps gehandelt haben, also um den Zeitraum 1534/35:
Hutten kam am 6. Februar 1535 in Coro an und machte sich mit Hohermuth am 13.
Mai desselben Jahres auf den Marsch nach dem Gold. Aber bei diesem Zug – über
den Hutten in mehreren Briefen berichtet – handelte es sich nicht um ein »fast bößes Jahr« [...], sondern
um drei Jahre voller Kämpfe,
Verluste und selbstverständlich gewordener Grausamkeiten. Das Jahr 1539 und
der Zeitraum 1534/35 allein passen demnach nicht so recht zu Fausts
Vorhersage oder vielmehr zu dem, was Philipp von Hutten darüber berichtet.
Eher schon wird an den ganzen mörderischen Aufenthalt im Landesinneren zu
denken sein, an die Jahre 1535 bis 1538, die Philipp in seinen Briefen
ausführlich beschrieben hat.
Endgültiges ließe sich über diese Stelle mit dem
»ziemlich schlimmen Jahr« erst sagen, wenn wir Huttens Brief mit dem Wortlaut
von Fausts Prognostikation vergleichen könnten. Es stellt aber gewiss keine
pure Spekulation dar, wenn wir annehmen, dass Faust sich nicht auf eine
Vorhersage für einen bestimmten kalendarischen Abschnitt eingelassen haben
dürfte, sondern, dass er für Philipp von Huttens gesamte Unternehmung
Schlimmes prophezeite.” [S. 188 f.]
„Als Philipp 1546 seinen Traum von Gold und Ehre und
Ruhm für das Haus Hutten mit seinem Leben bezahlte, lag Fausts wohl schon
1534 in Augsburg gestellte Prognostikation ein Dutzend Jahre zurück. Faust
hatte mit seiner pessimistischen Vorhersage auf grausige Weise recht
behalten. Auch er war 1546 schon einige Jahre nicht mehr am Leben. Alle, die
von Philipp von Huttens Brief aus Venezuela und von seinem schrecklichen Tod
erfuhren, fanden nun Faust als jenen unfehlbaren Propheten bestätigt, als den
er sich immer ausgegeben hatte.” [S. 191]
Fausts Geburtstag und Vornamen
„Fausts Rufname war Georg. Das Fest des heiligen Georg
wird am 23. April gefeiert. Astrologisch fällt der 23. April ins
Tierkreiszeichen des Stieres. »Um 1480« gibt es ein einziges Datum, an dem
Sonne und Jupiter im Zeichen des Stieres zusammentreffen: im Jahr 1478.[6] Faust
könnte also, nimmt man seinen Ausspruch bei Kilian Leib als verdeckten
Hinweis auf seine eigene »Propheten«-Geburt, im Jahr 1478 geboren sein, am
Festtag des heiligen Georg, am 23. April.[7]
[...] Durch die Betonung des Vornamens Georg, der als
Grundlage für die Geburtstagsberechnung diente, sollte nicht ausgeschlossen
werden, dass Faust auch den von Melanchthon genannten Vornamen Johann(es)
führte, dass er also Johann Georg Faust getauft wurde. Freilich, in allen
zeitgenössischen Zeugnissen bis zum etwa 1540 erfolgten Tode Fausts tauchte
der Vorname Johannes nirgends auf; stets wird Faust nur Georg oder Jörg
genannt. Nun kann es natürlich sein, dass Melanchthon Fausts Vornamen
verwechselte, und es kann gleichfalls sein, dass Manlius den von Melanchthon
richtig genannten Vornamen versehentlich austauschte. Sehr viel naheliegender
ist es aber, Georg und Johann als
Fausts angestammte Vornamen anzusehen.
Johannesfeste gibt es im katholischen Heiligenkalender
mehrfach, und bis heute gibt es einige sehr beliebte Doppelvornamen mit einem
»Hans« am Beginn [...]. Die frühere Beliebtheit der Vornamen-Kombination von
Johann mit einem weiteren Vornamen zeigt sich beispielsweise in der
Namensgebung von Bach, Herder oder Goethe. Was man erst dem Taufregister
entnehmen kann: Auch Mozart und Schiller hießen mit ihren ersten Vornamen
Johannes! Außerdem sind Hans, Johann(es) und ihre Koseformen die beliebtesten
Vornamen geblieben für Redensarten, Sprichwörter, Lied- und Märchentitel
u.s.f. [...]
Dass es zu der großen Häufigkeit von Hans und Johannes
kam, hängt wohl neben der allgemeinen Verehrung für den Ankündiger Christi
vor allem damit zusammen, dass seit dem Ausgang des Mittelalters die meisten
Taufkapellen und -altäre dem dafür »zuständigen« Johannes dem Täufer geweiht
waren. Insofern lag es nahe, Knaben als alleinigen oder als ersten Vornamen
den Namen »Johann(es)« zu geben. Allein drei Männer aus der Reihe der
Faust-Zeugen tragen diesen Vornamen: Trithemius, Virdung und Manlius. Um 1500
war dieser Vorname überaus häufig. Daher war es ganz normal, dass ein Johann
Georg den Georg zu seinem Rufnamen wählte. Wir können davon ausgehen, dass
Melanchthon korrekt berichtete, wenn auch freilich unvollständig: Faust wurde
zwar Johann Georg getauft; seinen ersten, allzu häufig vorkommenden Vornamen
benutzte er jedoch nicht: Er nannte sich Georg oder Jörg.” [S. 239 f.]
Fausts Nachnamen
„Im Rebdorfer Zeugnis [...] taucht [...] Faust als
»Georgius faustus helmstet.« auf – als Georg Faust aus Helmstadt, wie Beutler
[s. [3]] diese Stelle deutete. Nach dieser Auslegung war »Faustus«, der
»Glückliche«, ein bloßer Beiname nach dem Grundsatz nomen est omen. Ein Mann namens Georg Helmstetter versprach sich
mit diesem Namenssymbol Glück und Wohlergehen. Er war keineswegs »um 1480«
geboren worden, sondern etwa 15 Jahre zuvor. Der Schreihals und Lump, von dem
Trithemius erzählte, war nach Beutlers Lesart keine 25 Jahre alt, sondern ein
Mann um die 40. Dieser plötzlich so auffällige Mann war vorher offenbar
niemandem aufgefallen, weil er augenscheinlich erst im Schwabenalter seine
aufdringliche Gescheitheit unter die Leute brachte.” [S. 222]
„Nun endlich kann gesagt werden, was es mit dem
»helmstet.« im Zeugnis Kilian Leibs auf sich hat – wobei erneut zu betonen
ist, dass auch in diesem Zeugnis der Name »Faustus« vorkommt. Die Bezeichnung
»helmstet.« war ein Beiname, der
von Faust allein für Rebdorf gewählt wurde, und das mit gutem Grunde. Auch
hier in Rebdorf gab Faust seinen richtigen Namen an, aber er tat dies dem
Prior gegenüber so, dass dieser ihn nur für einen Beinamen hielt und
»helmstet.« für den eigentlichen Namen. In Wirklichkeit war »helmstet.«
nichts anderes als ein nom de guerre,
um dem geistlichen Herrn Kilian Leib ebenfalls als – zudem noch adeliger –
Geistlicher zu erscheinen.” [S 226 f.]
„Man hat darauf hingewiesen, der Name Faust tauche
erstmals 1565 auf, als des Manlius 1563 lateinisch erschienenes Buch mit der
Melanchthon-Aussage über den »Faustus« aus Kundling/Knittlingen ins Deutsche
übertragen wurde. Damals erst sei aus dem »Faustus« der Name »Faust«
geworden. Mit anderen Worten: Aus dem lateinischen Beinamen »Faustus« = »Der
Glückliche« habe sich erst infolge der Eindeutschung der Familienname »Faust«
ergeben. Von einem »Faust« zu sprechen, sei also allein das Ergebnis jener
Rückübersetzung ins Deutsche.
Diese Argumentation ist nichts weniger als tollkühn,
weil sie Ursache und Wirkung vertauscht! Wenn ein Mann namens Faust in einer
lateinischen Quelle – also etwa bei Trithemius oder Mutianus Rufus oder
Kilian Leib oder Camerarius – erwähnt werden sollte, denn war dies nicht
anders möglich, als dass ihm die lateinische Endung »-us« angehängt wurde. Aus »Faust« wurde so
»Faustus«, wie aus Konrad Muth ein »Mutianus« geworden war, aus Tritheim
»Trithemius« oder aus Luther »Lutherus« oder aus Luthers Gegner Eck »Eckius«.
Ebenso latinisiert wurden auch die Vornamen: Luther und Melanchthon sind, oft
sogar in deutschen Texten, als die Herren Martinus und Philippus erwähnt.
Dasselbe geschah mit dem einzigen Vornamen, der in den zeitgenössischen
Quellen von Faust genannt wird: Stets heißt er »Georgius«, so bei Trithemius,
bei Mutianus Rufus, bei Kilian Leib. Allein die Ingolstädter Quelle
kombiniert Deutsch und Latein zu »Dr. Jörg Faustus«.
Um es kurz zu machen: Ein Deutscher namens Faust hatte
es so leicht wie kaum ein anderer Träger eines deutschen Namens, sich an
seinen Namen ein aussagekräftiges »-us« anzuhängen. Diese kleine lateinische
Endung zeigte seine humanistischen Ambitionen an und kennzeichnete ihn als
einen Mann der Wissenschaft. Außerdem verhalf sie ihm auf die einfachste Art
der Welt zu einem sprechenden Namen: Aus dem derb-deutschen »Faust« wurde
ohne jeden Aufwand ein »Faustus«, ein »Glücklicher«.” [S. 223
f.]
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[Abbildung 11 (S. 233)] Heutiges Stadtwappen
Knittlingens
mit zwei gekreuzten Knitteln und dem
Maulbronner Abtsstab
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[Abbildung
12 (S. 234)] Vorder- und Rückseite
eines alten Grenzsteins aus der Zeit, als Knittlingen noch nicht zum Kloster
Maulbronn gehörte.
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„Übrigens hat man in der Faust-Forschung noch eine
weitere Herleitung des Namens »Faust(us)« versucht, die vom Geburtsort
Knittlingen ausging. Das Stadtwappen zeigt neben dem später hinzugekommenen
goldenen Abtsstab des Klosters Maulbronn von jeher zwei gekreuzte schwarze
»Knittel« auf silberfarbigem Grund. Knittel oder Knüttel oder Knüppel –
literarisch als Knittelverse bekannt gemacht durch Hans Sachs und später von
Goethe in seinem Faust verwendet –
heißt auf lateinisch »fustis«. Der
Name der Stadt, versinnbildlicht in den zwei Knitteln ihres Wappens, habe
Faust seinen Namen, seinen Bei- oder Wahlnamen gegeben – so behaupten mehrere
Forscher. Wie auch immer dieser Mann in Wirklichkeit geheißen habe, er
benannte sich nach dem Wappenstock seines Heimatortes. Aus dem doppelten
Prügel im Stadtemblem, aus dem lateinischen »fustis«, machte er sich den
Glück verheißenden Namen »Faustus« zurecht – wiederum also [...] wurde
»Faustus« als Kunstname angesehen.
Nun, man braucht schon sehr viel Phantasie, um vom
Knittel im Stadtwappen über dessen lateinische Rückübersetzung auf die
nochmals lateinisch umformulierte Selbstdarstellung eines »glücklichen«
Faustus zu kommen... Mag diese Theorie auch für sich haben, dass sie von
Knittlingen ausgeht und nicht andere Geburtsorte Fausts in Vorschlag bringt,
so ist sie doch als reichlich überanstrengt zu bezeichnen.
Faust brauchte keine umwegigen und übergeistreichen
Sprachspielereien, um zum »Faustus« zu werden, denn er hatte es mit solcher
Umwandlung in einen vielversprechenden Namen nicht nur leicht, sondern er
bekam diese Umwandlung geradezu gratis geliefert. [...]
In der Literatur über Faust hat sich die Formulierung
»infaustus Faustus« – das lateinische Wortspiel bedeutet im Deutschen »der
unglückliche Faust« – seit Beginn des 17. Jahrhunderts als eine stehende
Wendung eingebürgert.[8] Mochte diese Formulierung auch vornehmlich auf
das höllische Ende der literarischen Faust-Gestalt Bezug nehmen, so war doch
auch der historische Faust nach allem, was wir aus den Quellen entnehmen
können, keinesfalls ein »Glücklicher«. [S. 232
ff.]
»Echte Spuren oder falsche Fährten«
Eine „[...] Faust-Erzählung in Zacharias Hogels Chronik von Thüringen und der Stadt Erfurt
[...], die um 1550 notiert wurde und möglicherweise auf einen Auftritt Fausts
in Erfurt zurückgeht. Hier wird bei einer Magisterpromotion beklagt, dass
viele Komödien des Plautus und des Terenz verlorengegangen seien.
D. Faust hörte zu, hub auch an, von
beiden Poeten zu reden, erzehlte etliche Sprüche, die in ihren verlohrnen
Comoedien stehen solten, und erbot sich, wo es ihm ohn gefahr und den Herrn
Theologen nicht zu wieder seyn solte, die verlorne Comoedien alle wieder an
dz liecht zu bringen und vorzulegen auf etliche stunden lang, da sie von
etlichen vielen studenten oder schreibern geschwinde müsten abgeschrieben
werden, wenn man sie haben wolte, und nachfolgends möchte man ihrer nützen,
wie man wolte. Die Theologen und Rahtsherren aber ließen ihnen solchen
vorschlag nicht gefallen: denn, sagten sie, der Teufel möchte in sollche
newerfundene Comoedien allerley ärgerliche sachen mit einschieben, und man
könte doch ja auch ohne dieselben aus denen, die noch vorhanden weren, gnug
gut Lattein lernen. Dorfte also der Teufelsbanner hierinnen kein meisterstück
sehen laßen.[9]” [S. 262]
„1563 in lateinischer Sprache als Locorum communium collectanea, 1565 dann deutsch als Schöne ordentliche Gattierung...,
erscheint ein Werk von Johannes Manlius, in dem über Faust offenbar
Mitteilungen Philipp Melanchthons enthalten sind [...]. Wenn auch nicht mehr
zu klären ist, wie getreu der als nicht gerade immer zuverlässig geltende
Manlius die Äußerungen seines akademischen Lehrers in Wittenberg
wiedergegeben hat, so scheinen doch den Aufzeichnungen des Manlius vorwiegend
authentische Aussagen des theologischen Kopfes der deutschen Reformation
zugrunde zu liegen. [...] Entscheidend ist, dass der Anfang der Textpassage
eindeutig auf Melanchthon als Sprecher verweist, der im fünf Kilometer von
Knittlingen (»Kundling«) entfernten Bretten geboren war [...]
Die Manlius/Melanchthon-Stelle lautet im Zusammenhang:
Ich habe einen gekennt / mit namen Faust von Kundling /
(ist ein kleines Stättlein / nicht weit von meinem Vatterland) derselbige da
er zuo Crockaw in die schuol gieng / da hatte er die zauberey gelernt / wie
man sie dann vor zeiten an dem orth sehr gebraucht / auch offentlich solche
kunst geleeret hat. [...]
Derselbige Faust ist zuo Wittenberg entrunnen / als der
fromme und löbliche Fürst Hertzog Johannes hette befelch gethon / daß man jhn
fragen solte. Deßgleichen ist er zuo Nürnberg auch entrunnen / als er ubers
Mittagmal saß / ist jm heiß worden / und ist von stundan auffgestanden / und
hat den Würt bezalt was er jme schuldig war / und ist darvon gangen. Und als
er kaum ist fürs thor kommen / waren die Stattknecht kommen / und hatten nach
jm gefragt.
Derselbige Faust der zauberer / und ungehurig thier /
und stinckend heimlich gemach des Teuffels / rühmete unverschempt / daß alle
siege / die Keiserliche Maiestet kriegßvolck im Welschenlande gehabt hetten /
die waren durch jn mit seiner zauberey zuowegen gebracht worden. Das ist eine
erstunckene lüge und nicht war. [...][10]
Den Eingangsbemerkungen über Fausts Geburtsort
Authentizität abzusprechen, wäre sicherlich schon deshalb töricht, weil der
Ansbacher Manlius den Ortsnamen »Kundling« (Knittlingen) niemals gekannt
hätte, wäre er nicht tatsächlich vom Brettener Melanchthon erwähnt worden.
Zumindest diese Angabe – Faust ist in Knittlingen geboren – muss also als
zuverlässige Wiedergabe einer Aussage des Reformators gelten. Fraglich bleibt
nur, ob die Bekannschaft Melanchthons mit Faust durch persönliches
Zusammentreffen zustande kam oder ob Faust dem Melanchthon lediglich seinem
Ruf nach bekannt war.” [S. 210 ff.]
„Das Zeugnis von Manlius/Melanchthon stellt sich als ein
Text dar, der für die Zeit der Legendenbildung um Faust zwischen 1540 und
1587 als typisch bezeichnet werden kann: Biographisches erscheint allenfalls
spurenhaft, vermengt mit anekdotischem Material; das phantastische Element
überwiegt und verlangt nach weiterer Anhäufung unglaublicher Geschichten. In
dieser Phase der Legendenbildung wird Fausts biographische Person – soweit
sie überhaupt noch erinnerlich ist – zusehends blasser und unwichtiger. Und
vermutlich ist die Reduzierung Fausts auf einen mit Assoziationen behängten
Namen erst die Voraussetzung dafür, dass diesem historisch so miserabel
belegten Magier sich so viele umherfliegende Anekdotenspäne magnetisch
zuordnen konnten – mit dem Ergebnis einer auf diesen einen Mann
konzentrierten Allesfresserei an wunderbaren, dreisten, entdeckungssüchtigen,
erotischen, gastronomischen, theologischen und rachsüchtigen Erzählungen.” [S.
216]
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[Abbildung 13 (S. 218)]
„Es ist [...] durchaus möglich, dass Faust [...] einmal
in Venedig war: Wenn er sich beim Rebdorfer Prior Kilian Leib 1528 als
Johanniterkomtur von »hallestein« – Heilenstein – einführte, dann erwähnte er
damit einen Ort, der in der Nähe von Cilli lag, und dieses Cilli lag nur
wenig abseits der normalen Reiseroute nach Venedig, wie sie der
zeitgenössische Kartograph Erhard Etzlaub beschrieben und gezeichnet hat.” [S. 213 f.]
„Fausts Tod in Staufen um 1540 brachte keine einzige
zeitgenössische Chronistenfeder in Bewegung. Der mit drastischen Details zur
grausigen Sensation stilisierte Tod bei Manlius/Melanchthon aber schenkte
jenem Faust das Leben, der ein gutes Jahrzehnt später erstmals aus
Buchdeckeln hervortreten und eine beispiellose weltliterarische Karriere
beginnen sollte.” [S. 217]
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[Abbildung
14 (S. 232)] Das Geburtshaus Fausts in
Knittlingen. Anonyme Darstellung des frühen 19. Jahrhunderts.
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„[...] dem Rektor a. D. Karl Weisert gelang schon vor
dem Zweiten Weltkrieg beim Stöbern nach alten ortsgeschichtlichen Akten ein
Fund, [...] ein Kaufbrief aus dem Jahr 1542: Es ging um ein Haus, das den
Besitzer wechseln sollte, und zwar handelte es sich beim Käufer um die schon
vor 1480 bestehende Knittlinger Lateinschule, die neue und größere Räume
brauchte. Dem ersten Anschein nach entdeckte Karl Weisert eine unscheinbare
privatrechtliche Quelle: ein Papier, das die Veräußerung eines Hauses betraf,
mehr nicht. Und doch mehr! Denn in dieser Quelle tauchte ein kurzer Nebensatz
auf, der für uns von höchstem Interesse ist. Der Text des Kaufbriefes lautet
(im Auszug):
... Frühmeßhaus und Hofraytin samt Keller vnd übrig
zugehord, alles an vnd beyeinand rechter hand vf dem berg neben der Cappel,
eynseit des Jörgen Gerlachen seelig behausung, allwo Fausten born, auch neben
der Wagenhüttin vnd beym kleinen gestaffelten Wandelgäßlen... zu eynem
vffrechten, steten, vesten vnd ewigen Kaufs verkauft...[11]
[...] Der Betrachter stand vor dem Alten Rathaus der
Stadt, das nach den Zerstörungen des 17. Jahrhunderts an selber Stelle
erweitert wiederaufgebaut, nach dem Zweiten Weltkrieg für die Amtsgeschäfte
zu eng, vermietet und einige Jahre gewerblich genutzt wurde. Heute ist in
diesem Alten Rathaus Knittlingens das Faust-Museum und Faust-Archiv
untergebracht. [...] Auch das im Jahr 1542 seinen Besitzer wechselnde Haus
hat die mehrmaligen Zerstörungen Knittlingens nicht überdauert. Erhalten
blieben lediglich die Grundmauern, auf denen seit dem 18. Jahrhundert ein
neues Haus steht.[12]” [S. 229
f.]
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Bildung, Titel und Berufungen Fausts
„Vielleicht hat Faust auch durch Andeutungen, durch
bewusste Zweideutigkeiten, durch elliptisch abgebrochene Sätze, durch verbale
Gratwanderungen zwischen »Weiß« und »Schwarz« das Bild des teuflisch liierten
Magiers selbst mitgeformt. Vielleicht hat er selbst an einer Legende
gebastelt, die möglicherweise schon zu seinen Lebzeiten, ganz gewiss aber und
leicht kontrollierbar nach seinem Tod, Eigenbewegung und gierige
Magnetwirkung erhalten sollte – jene Legende, in der aus dem Aufsehen
erregenden Teufelskerl sozusagen nahtlos ein Teufelsbündler wurde, einer, dem
man alles und jedes zutraute, ein mit magischen Künsten und Tricks virtuos
operierender Tausendsassa. Faust wurde zu dem
Magier, zum Magier schlechthin – und er wurde dazu wohl schon vor 1540, als
ein zielstrebiger Organisator seines Nachruhms, als ein Mann, der seine
eigene Biographie so darzustellen wusste, dass sie die ausschmückenden
Memoirenschreiber als ein Stoff reizte, der gleichsam auf der Straße lag und
auf dessen Zusammenfassung zwischen Buchdeckeln die Leute bereits warteten.” [S. 309]
„Dass der Mann,
der in der Literatur stets »Doktor Faust« genannt werden sollte, jemals ein
Studium auch nur begonnen hat, ist aus den Quellen nicht zu belegen.” [S. 45]
„In Reuchlins Pforzheim war Faust in drei Wegstunden,
und zu den Zisterzienser-Mönchen im fünf Kilometer von Knittlingen entfernten
Maulbronn brauchte es nicht mehr als einen Spaziergang. An beiden Plätzen
konnte Faust mehr erfahren als nur die Schlagzeilen des Weltgeschehens.” [S. 47]
„Den »Doktor Faust« gab es nicht aufgrund eines
Universitätsdiploms mit Wappen und Siegel; ihn gab es vielmehr im Bewusstsein
der Zeitgenossen, zumindest der so genannten kleinen Leute. Wenn die Historia von D. Johann Fausten diesen
Doktortitel bereits auf dem Umschlagblatt nannte, dann vollzog sie lediglich
nach, was längst Usus geworden war. Dass die Historia zu Fausts Doktortitel auch noch das entsprechende
reguläre Universitätsstudium dazuerfinden musste, war eine folgerichtige
Ergänzung innerhalb einer Erzählung, in der einer umso tiefer fiel, je höher
er anfangs gestanden hatte: Aus dem »Doctor theologiae« von 1587 wurde am
Schluss der grässlich verstümmelte Teufelsbraten – für den Leser eine
drastische Warnung, Ähnliches zu beginnen, und gleichzeitig eine vom Autor
gewollte oder ungewollte Entlastung, weil hier ein gelehrter fiel, einer
jener Gelehrten, die man vordem für gefeit angesehen haben mochte, sich an
den Bösen zu verlieren.” [S. 248]
„Der Psychologe Faust: er schuf die Voraussetzungen für
seinen eminenten Erfolg bei Lebzeiten und für seinen überbordenden Ruhm nach
seinem Tod. Dass dieser Faust ebenso in Wirtshäusern auftrat wie an einem
fürstbischöflichen Hof, dass er zwischen Gelnhausen und Würzburg seine
provozierenden Zugaben nach dem Normalprogramm einmal mit
Klassisch-Humanistischem und dann mit Christlich-Theologischem bestritt, dass
er in Rebdorf in die Kutte eines Johanniter-Komturs schlüpfte und zwölf Tage
später in Ingolstadt in den Gelehrtenrock eines Heidelberger Doktors, dass er
von Fürth aus beim Nürnberger Rat vorsichtig um eine Besuchserlaubnis
anklopfte, dass er beim Rühren der eigenen Werbetrommel nicht eben zaghaft zu
Werke ging, dass er dennoch den feinsinnigen Erasmus-Freund Daniel Stibar zum
Freunde gewann – all das spricht dafür, dass er seine Handlungen und
Auftritte in wohldosierter Variabilität zu planen und zu inszenieren wusste.”
[S. 267]
„Wenn sich Faust, laut Trithemius, als »Fürsten der
Nekromanten« und als »Quellbrunn der Nekromantie« bezeichnete, denn wollte er
damit nicht zum Ausdruck bringen, dass er sich besonders gut auf die
Befragung heraufbeschworener Toter verstand – vielmehr, dass er in all den
Künsten erfahrener als alle anderen war, die sich mit verbotenen Künsten
befassten. Wenn sich Faust als Nekromant bezeichnete, denn wollte er ganz
bewusst als Teufelskerl gelten, als ein vor nichts zurückschreckender
Geselle, dem sein ewiges Seelenheil keinen Pfifferling wert war. Damit wollte
er seinen potentiellen Kunden plakativ anzeigen, dass sie bei ihm am besten
bedient würden, dass er in allen magisch-mantischen Sätteln gerecht und in
jeder kirchenfernen Absonderlichkeit bewandert sei.” [S. 286 f.]
„[...] ein Engagement als Goldmacher hat man auch für
seinen Aufenthalt in Staufen vermutet, weil dort kurz vor 1540 das
ortsansässige Grafengeschlecht verarmt war und dringend einer finanziellen
Spritze bedurfte. Faust, so folgerte man aus seinem mit teuflischem Rot
garnierten Todesreport in der Zimmerischen
Chronik, könnte beim Experimentieren durch eine Explosion in seiner
»Alchemistenküche« ums Leben gekommen sein.” [S.
300 f.]
„Was war nun Faust für ein Alchemist? Gehörte er zu
jenen, die mit der »Mutter« Schwefel und mit dem »Vater« Quecksilber in der
so genannten Alchemistenküche hantierten? Oder war er einer von jenen, die
für klingende Münze einen brodelnden, dampfenden, zischenden Zauber
veranstalteten, garniert mit ein paar Brocken Kneipenlatein, mit
»Licht-Spielen« und beizenden Rüchlein, womöglich an verbotenem Ort? Oder
gehörte er schließlich zur verborgenen und verschwiegenen Gruppe der wahren
Alchemisten, die das »solve et coagula«, das Lösen und Binden der Metalle
auch an sich selbst exerzierten?
Die vorhandenen Zeugnisse lassen keinen eindeutigen
Schluss zu. Wer in diesen Jahrzehnten mit der Alchemie sein Geschäft machen
wollte, der konnte es tun. Faust hätte nur mitzumischen brauchen. Gehörte er
aber zu den ernsthaften Vertretern dieser Kunst; prahlte er nur auf den
Märkten mit ihrer Schau- und Geldseite, um im geheimen sich ums metallische
und ums innere Gold zu bemühen; glaubte er tatsächlich, dem Abt Entenfuß und
den verarmten Grafen von Staufen helfen und sich selbst gleichzeitig zur
höchsten Läuterungsstufe bringen zu können – denn könnten sich auf diese
Weise die vielen durch Zeugnisse unbelegten Dunkeljahre seiner Biographie mit
Sinn füllen lassen. Denn könnte Faust etwa in den »weißen Jahren« zwischen
1513 und 1520, 1520 und 1528, 1528 und 1532, 1536 und seinem Tod um 1540 irgendwo
zurückgezogen experimentiert, könnte somit ein schweres und langwieriges
Geschäft betrieben haben, das ihn selbst voran brachte, das seine Geldkatze
aber nicht füllte. Weil er mit solchen Geschäften nicht überleben konnte,
musste er sich zwischendurch verdingen und auf den Märkten den Schreihals
spielen.
Freilich sind das Mutmaßungen, die aber einen gewissen
Wahrscheinlichkeitsgrad für sich haben und eine Erklärung dafür liefern,
weshalb es um den stets so laut auftretenden Mann sein Leben lang so still
war. Faust als ernsthafter Alchemist – dies ist eine Vorstellung, an die sich
zu gewöhnen äußerst schwerfällt, weil eben das Bild des historischen Faust
durch das übermächtig wirkende Zeugnis des Trithemius auf Jahrhunderte hin
nicht präformiert, sondern endgültig festgelegt wurde. Faust als Mann
einsamer Meditation und asketischer Selbstläuterung – dies passt natürlich
nicht zu dem mit priesterlichem Zorn fixierten Image des lästerlichen
Windhunds, des Sittenstrolchs und des jedes seriöse Ohr beleidigenden
Maulhelden.” [S. 305 f.]
„Nicht durch die Zahl, sondern durch die Art seiner
Berufe war Faust auffällig. Hätte eine Passbehörde dieser Epoche unter der
Rubrik »Beruf« nur eine einzige Angabe gestattet, so wären viele Zeitgenossen
Fausts in arge Verlegenheit geraten. Der Altphilologe Melanchthon etwa
schrieb theologische Traktate und Katechismen, betätigte sich als Organisator
des höheren Schulwesens und hielt Vorlesungen über Astrologie. Dichter
konnten über Syphilis schreiben (Ulrich von Hutten), Ärzte eine Weltchronik
zusammenstellen (Hartman Schedel), Mathematiker eine neue Sintflut
prophezeien (Johannes Stöffler), Juristen über die jüdische Kabbala Vorträge
halten (Johannes Reuchlin, Agrippa von Nettesheim), Maler die Technik
revolutionieren wollen und der anatomischen Medizin wie der Ballistik auf die
Beine helfen (Leonardo da Vinci), Äbte sich als Wetterforscher betätigen
(Kilian Leib) – die Berufsausbildung und das Examensfach war eine Sache, die Ausübung weiterer und
oft gleichzeitig vieler Berufe eine andere.
Nicht dass Faust an ganz entfernten Punkten des
deutschen und vielleicht auch außerdeutschen Raumes auftauchte, unterschied
ihn von seinen Zeitgenossen, ebensowenig die vielen Professionen. Was ihn in
einem Ensemble von schillernden Figuren zu einem Außenseiter machte, nahm
Trithemius sehr wohl wahr, bog es aber gleich ins Negative ab: Faust hatte
sich über den Fundus »normaler« Zauberei und Gaukelei, über seine
reichhaltige Berufspalette hinaus als ein intelligenter Kopf bekannt gemacht
und einen Erfahrungsschatz und eine Kunstfertigkeit erworben, die ihn zur
Führung mehrerer Titel berechtigte und ihn als Rivalen erscheinen ließ. Dass
er außerdem von Zeitgenossen als Spezialist anerkannt wurde, belegen die
Nativität beim Bischof von Bamberg (1520) und die Anfrage des Joachim
Camerarius bei Daniel Stibar (1536). Was hier Faust als Astrologe an
Kompetenz bestätigt wird, legt es nahe, auch die anderen mit lauter Reklame
angekündigten Fertigkeiten nicht vorschnell als Geschwätz abzutun.” [S. 314 f.]
Fausts Tod
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[Abbildung
15 (http://upload.wikimedia.org/
wikipedia/commons/3/37/Faust_Staufen.
PNG)] [Foto: Alex Anlicker]
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„Seit einigen Generationen zeigt man in dieser [...] Stadt [Staufen]
im dritten Stock des Gasthauses »Zum Löwen« die Nummer 5 als das Sterbezimmer
Fausts. Dieses Gasthaus, dessen straßenseitige Giebelwand heute ein an Fausts
Tod erinnerndes Gemälde und eine Inschrift schmücken und das seit der
Jahrhundertwende einen altdeutsch ausgestatteten Nebenraum als »Faust-Stube«
präsentiert, existiert bereits seit 1407. Es ist eine der ältesten in
Deutschland nachgewiesenen Herbergen. Ob die Lokalisierung von Fausts Tod im
Staufener »Löwen« über das 19. Jahrhundert hinausreicht, lässt
sich zwar nicht mehr feststellen; dass sie sich aber hier konkretisierte,
dafür könnte die Manlius-Stelle sehr wohl der Anlass gewesen sein. Denn dort
war von einem Wirtshaus als Sterbestätte Fausts die Rede, einem Wirtshaus,
das zwar »im Wirtemberger land« stehen sollte, das aber bei einiger
geographischer Unkenntnis oder sprachlicher Großzügigkeit doch auch im
badischen Staufen angesiedelt werden konnte. Das einzige alte Wirtshaus in
Staufen war eben der »Löwen«. Sichere Zeugnisse aber fehlen, gar solche, die
bis zum Zimmer 5 im dritten Stock dieses Gasthauses reichen würden.
Faust starb in Staufen; in welchem Haus, in welchem
Zimmer, das ist ungewiss. Wann er starb, bleibt ebenso weithin im Dunkeln.
[...] ein Abschnitt der Zimmerischen
Chronik [hatte] mit den Worten begonnen [...]:
Es ist umb
die zeit der Faustus zu oder doch nit weit von Staufen, dem stetlin im
Breisgew gestorben.
»Umb die zeit« – was damit gemeint ist, erhellt der
vorhergehende Abschnitt der Chronik, der mit den Worten beginnt:
Das ich aber widerumb vom reichstag zu Regenspurg sag...
Der Reichstag von Regensburg wurde im Beisein des
Kaisers Karl V. am 5. April 1541 eröffnet. [...]
»Umb die zeit« starb Faust. Man hat in der Faust- Forschung
gut daran getan, angesichts dieser Quellenlage allzu eindeutige Daten zu
vermeiden. »Umb die zeit«: Das konnte 1541 heißen oder auch 1540; und
vielleicht ließ die unscharfe Angabe auch zu, 1539 als Fausts Sterbejahr
anzunehmen. Dass er, um 1540, in Staufen starb, darf als sicher gelten.” [S. 329
f.]
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[Abbildung
16 (S. 328)] Karte des 18.
Jahrhunderts, in der Knittlingen als Geburts- und Sterbeort Fausts genannt wird (Faust-Museum Knittlingen).
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„Die Geschichte von der Mücke, die sich zum Elefanten
bläht, liefert das Modell für die Legende von Fausts Teufelsverbindung, aus
der durch akkumulierte Erzählungen und Einzelheiten am Ende – noch vor 1587 –
der regelrechte Teufelspakt wird. Seit es die Historia, seit es den literarischen Faust gibt, ist vom
historischen Faust nichts mehr zu erkennen. Nun gibt es – für die
literarische Tradition auf immer – den handfest konditionierten Pakt, und
damit die Universalerklärung satanischer Omnipotenz.
Der historische Faust wird dabei zur Nebensache, und an
seine Stelle tritt das Teufelspaktmotiv, das weit mehr als die im Titel
genannte Zentralgestalt für viele hunderte von Autoren seit 1587 zum Anlass
wurde, Variationen über dieses eine Thema zu schreiben. Ohne die
Legendenbildung und ihre Festschreibung im vierundzwanzigjährigen Pakt hätte
von Faust schon zu Ende des 16. Jahrhunderts niemand mehr gesprochen. Dass
Faust legendär und dann literarisch weiterlebte, verdankte er – so merkwürdig
dies angesichts der historischen Gestalt auch klingen mag – kirchlichem
Eifer. Dass aber auch die Kirche ihrerseits Faust viel verdankte, fiel ihr
von jeher schwer einzugestehen.” [S. 345]
„Am Ende bleiben Fragezeichen, Fragezeichen um einen
Mann, der eine beispiellose weltliterarische und allgemein künstlerische
Karriere gemacht hat, dessen historisches Profil aber nur schemenhaft
erkennbar wird; ein Mann, der sich in seiner Zeit laut und auffällig gab, | es aber gleichzeitig verstand, hinter der berühmten
Fassade ein Unbekannter zu bleiben.” [S. 359]
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*Mahal, Günther: Faust – Die Spuren eines geheimnisvollen Lebens / Günther Mahal. –
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1995. Die Buchausgabe erschien
1980 im Scherz Verlag, Bern und München, ISBN 3 499 13713 5
**Conradt,
Marcus; Huby, Felix: Die Geschichte von Doktor Faust. / Marcus Conradt ; Felix
Huby – München : Verlag
Steinhausen, 1980. ISBN 3-14-11681-6
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[1]
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Von
einer Identität beider »Visitenkarten« ging die bisherige Forschung stets
aus, wohl zu Unrecht.
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[2]
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Beutler, Ernst:
»Georg Faust aus Helmstadt«. In: Goethe-Kalender auf das Jahr 1936. Leipzig
1936, S. 174
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[3]
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In der
Forschung wurde bislang stets »utpote« transskribiert. Auf die
wahrscheinlichere Lesart »ut puta« machte mich [G. Mahal] freundlicherweise
Herr Prof. Dr. Matthias Schramm, Tübingen, aufmerksam.
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[4]
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Das Wort
»äffen« innerhalb dieser gängigen Bekräftigungsformel geht auf mhd. »avern,
ävern, äfern« zurück: laut Lexers Mittelhochdeutschen
Wörterbuchs »eine Sache gehässig wieder vorbringen, tadeln, rächen«.
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[5]
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Das
»tuus« ist in den Humanistenkreisen die beliebteste Briefunterschrift, die
herzliche Verbundenheit ausdrückt. - Besonders viele Beispiele enthält der Libellus novus, Leipzig 1568, in dem
Camerarius eine Sammlung von Freundesbriefen zusammenstellte.
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[6]
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Die
zeitnächsten Zusammentreffen finden 1466 und 1490 statt.
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[7]
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vergl. Mahal, G.: Fausts Geburtstag. Eine Hypothese. Knittlingen 1979.
[Bibliophiler Privatdruck in 175 Ex.]
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[8]
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Zum
ersten Mal taucht dieses Wortspiel 1587 auf, also im Jahr der Historia, bei Samuel Meigerius. Zitat
bei Tille, Alexander: Die Faustsplitter in der Literatur des
sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts nach den ältesten Quellen. Berlin
1900, S. 72.
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[9]
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Zitiert
nach Tille, Alexander: Die Faustsplitter in der Literatur des
sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts nach den ältesten Quellen. Berlin
1900, S. 50
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[10]
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Johannes
Manlius, Locorvm Commvnivm. Der Erste
Theil. Schöne ordentliche gattirung allerley alten vnd newen exempel...,
Fankfurt 1565, S. 46 f.
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[11]
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Das
Original wurde Ende des Zweiten Weltkriegs vernichtet; es existiert jedoch
eine Bleistiftabschrift, deren Korrektheit am 3. März 1934 vom damaligen
Knittlinger Bürgermeister Lener beglaubigt wurde.
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[12]
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Über
zwei sonderbare Gegenstände, die in diesem Haus im 19. und 20. Jahrhundert
entdeckt wurden - ein sechseckiger, kunstvoll gearbeiteter Wandschrank mit
den Elementenzeichen sowie den Zeichen für Quecksilber und das Paracelsische
»Salz« und mit der Aufschrift »ELOHIM.«
einerseits; ein kleines Stück Pergament mit großteils unverständlichen Reihen
aus Buchstaben und Kreuzen, aber auch mit der seit frühchristlicher Zeit
nachgewiesenen SATOR-AREPO-Formel
-, berichte ich [G. Mahal] in meinem Buch: Faust. Der Mann aus Knittlingen. Dokumente, Erläuterungen,
Informationen. Knittlingen 1980.
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