Das „Faustische“


„... man sprach und spricht zwar vom ‚faustischen Menschen‘, ‚faustischen Wesen‘, ‚faustischen Denken‘, aber die Begriffe sind fast beliebig gesetzt, unklar, verschwommen. Anfangs, noch bis weit über den Beginn des [vor]letzten Jahrhunderts hinaus, hieß ‚faustisch‘ eher zerrissen, schwankend, wohl auch im simplen theologischen Sinne ‚sich der Gnade versagend‘.
Doch dann kam das preußische Kaiserreich. Es nahm, wie so vieles andere aus der Geschichte, auch diesen Begriff, nahm ihn in einem jener Sinnzusammenhänge, wie er sich seit Goethe unter anderem gebildet hatte: ‚Faustisch‘, das hieß, nach dem Unendlichen greifen, sich nie mit dem Erreichten zufriedengeben, immer noch mehr wollen, das hieß immer weiter und weiter streben, die anderen mitreißen oder, noch besser, als Auserwählter allein gen Himmel stürmen, Vollkommenes erreichen und dann den anderen bringen. Das ‚Faustische‘ war die Grundhaltung, die den Fortschritt weitertrieb. Man sprach eben vom ‚faustischen Menschen‘, vom ‚faustischen Auftrag‘, von der ‚faustischen Mission‘. Längst hatte sich der Begriff vom literarischen Ursprung gelöst, hatte sich selbstständig gemacht.
Allerdings, was bei Goethe als für das ganze Abendland, ja vielleicht sogar noch weiter gedacht war, wurde nun eingeengt, im Sinne der herrschenden Deutschtümelei nur noch als für das eigene Volk geltend angesehen. Es tauchte die Formel auf vom ‚Faustischen im germanischen Menschen‘, endlich die These, das ganz germanische Element des Faust mache ihn den romanischen Nationen gerade in dem, worin er uns teuer sei, unverständlich. Im Mephistopheles empfänden Italiener und Franzosen dagegen selbst die Verwandtschaft und reklamierten ihn für sich*.
Von hier bis zu den absurden Verwendungsmöglichkeiten, die der Nationalsozialismus auf dem Hintergrund seiner Rassenideologie entwickelte, war der Schritt nicht sehr groß.
Kein Wunder, dass nach 1945 dieser Begriff des ‚Faustischen‘ nur mehr zögernd wiederaufgegriffen wurde. Man versuchte, ihn wieder mehr seiner literarischen Herkunft anzunähern, ihm eben auf dem Hintergrund von Thomas Manns Roman einen neuen Inhalt zu geben.
Ob das gelingt, wird sich zeigen. Denn da ist noch der Geschichts- und Kulturphilosoph Oswald Spengler, der von 1918 bis 1922 sein Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes schuf. Er ging dabei nach der von ihm entwickelten ‚Morphologischen Geschichtsschreibung‘ vor, die davon ausgeht, dass jede Kultur, gleich einem lebenden Organismus, wachse, blühe, zerfalle — Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und dass jede Kultur ihre ganz bestimmte ‚Kulturseele‘ habe: die griechisch-römische die ‚apollinische‘, die arabische die ‚magische‘ — die abendländische die ‚faustische‘.
Seiner Meinung nach, die er übrigens mit teilweise bestechenden Argumenten untermauert, hat die abendländische Kultur den ‚Winter‘ erreicht — wobei freilich nicht übersehen werden darf, dass Spengler, wie Thomas Mann, unter dem Erlebnis eines verlorenen Weltkriegs, eines Zusammenbruchs und aus dem Geist des preußischen Kaiserreichs heraus dachte und schrieb. Dennoch sei seine Interpretation des ‚Faustischen‘, wie sie seither in der Philosophie ihren Platz hat, angeführt:
‚Vor den Augen des faustischen Menschen, in seiner Welt ist alles Bewegtheit einem Ziele zu. Er selbst lebt unter dieser Bedingung. Leben heißt für ihn kämpfen, sich durchsetzen. Das faustische Schicksal ist Fügung. Es stellt den Charakter vor Entscheidungen. Die Seele antwortet durch eine Ethik, deren Elemente Tat, Person und Wollen sind, die sich nicht auf die Gebärde des Augenblicks, sondern auf das Leben als Ganzes bezieht.
So ruft der Faust des ersten Teils der Tragödie, der leidenschaftliche Forscher in einsamen Mitternächten, folgerichtig den des zweiten Teils und des neuen Jahrhunderts hervor, den Typus einer rein praktischen weitschauenden, nach außen gerichteten Tätigkeit. Hier hat Goethe psychologisch die ganze Zukunft Westeuropas vorweggenommen. Das ist Zivilisation anstelle von Kultur, der äußere Mechanismus statt des inneren Organismus, der Intellekt als das Seelische Petrefakt anstelle der erloschenen Seele selbst.
Die Kraft, der Wille hat ein Ziel, und wo es so ein Ziel gibt, gibt es auch ein Ende ... Der Faust des zweiten Teils der Tragödie (von Goethe) stirbt, weil er sein Ziel erreicht hat. Mag aus den älteren Kulturen noch so viel mythologische Substanz herübergekommen sein, lebendig wurde sie erst durch Umprägung in einem neuen, im dynamischen Sinne. Das Weltende als Vollendung einer innerlich notwendigen Entwicklung — das ist die Götterdämmerung. Auch das, die Voraussicht des unabwendbaren Schicksals, gehört zur Mitgift des historischen Blickes, den nur der faustische Geist besitzt. Auch die Antike starb, aber sie wusste nichts davon. Sie glaubte an ein ewiges Sein. Sie hat noch ihre letzten Tage mit rückhaltlosem Glück, jeden für sich, als Geschenk der Götter durchlebt.
Wir kennen unsere Geschichte. Wir werden mit Bewusstsein sterben und alle Stadien der eigenen Auflösung mit dem Scharfblick des erfahrenen Arztes verfolgen**.‘“ [Maus, S. 286 ff.]

„Das also ist es — ‚Faust, Synonym der abendländischen Kultur überhaupt. Welch ein Weg vom gaukelnden Teufelsbündler bis zu diesem wahrhaftigen Mythos einer halben Welt‘. Sie hatten ihn aufgelöst, ihm nur Name und Gestalt gelassen, doch er ist eben deshalb zum Symbol geworden von Epochen, eben deshalb auch zum Spiegel der Hoffnungen, Sehnsüchte des Volkes, indem er entstand — und so wohl doch eine ‚deutsche Legende‘.“ [Maus, S. 288]

- Maus:
Faust — Eine deutsche Legende / Maus, Hansjörg. — Wien und München, Meyster Verlag GmbH, 1980. 396 S.
ISBN 3 7057 6001 7

* H. Schwerte, Das Faustische — eine deutsche Ideologie, Stuttgart 1962.

** Oswald Spengler, Götterdämmerung.

     
             
 

 

 

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