Goethes Faust


Goethe zu Eckermann am 3. Januar 1830: „‚Der »Faust« [...] ist doch ganz etwas Inkommensurables, und alle Versuche, ihn dem Verstand näher zu bringen, sind vergeblich. Auch muß man bedenken, daß der erste Teil aus einem etwas dunkeln Zustand des Individuums hervorgegangen. Aber eben dieses Dunkel reizt die Menschen, und sie mühen sich daran ab, wie an allen unauflösbaren Problemen.’“ [Göres, S. 261]

„Und wie verliebt war Deutschland, und ist es zum Teil noch, in seinen »Doktor Faust«.“
[1] [Heine, S. 93]

Wenn der Name Faust fällt, denken die meisten unweigerlich an Goethe. Dabei war Goethe bei weitem nicht der erste und schon gar nicht der einzige, der an dieser literarischen Figur sein Vergnügen hatte.
Aber warum denken viele zuerst oder einzig an Goethe in diesem Zusammenhang? Aus einem einfachen Grund: Für die meisten von uns ist dessen Werk das erste (und leider oft auch das einzige), was uns gelehrt wird, oder was wir hierzu lernen; und allenfalls in der Schulzeit.
Goethes Faust ist wahrscheinlich das größte literarische Werk, das je geschaffen wurde, wenigstens aber ein riesiges Stück Weltliteratur! Deshalb müssen zwangsläufig alle anderen Interpretationen im Schatten desselben stehen.
Dabei gibt es unter den etwa zwanzigtausend Interpretationen so manch kostbare Perle zu entdecken: Stellvertretend für alle schönen, alle guten Versuche sei hier nur das Tanzpoem Der Doktor Faust genannt, das aus der Feder Heinrich Heines stammt und der selbst über sein Stück schreibt: „Eine leicht begreifliche Zagnis überfiel mich, als ich bedachte, dass ich ... einen Stoff gewählt, den bereits unser großer Wolfgang Goethe, und gar in seinem größten Meisterwerke, behandelt hat. ... Goethe hatte, um seine Gedanken auszusprechen, das ganze Arsenal der redenden Künste zu seiner Verfügung, er gebot über alle Truhen des deutschen Sprachschatzes, der so reich ist an ausgeprägten Denkworten des Tiefsinns und uralten Naturlauten der Gemütswelt, Zaubersprüche die im Leben längst verhallt, gleichsam als Echo in den Reimen des goetheschen Gedichtes widerklingen und des Lesers Phantasie so wunderbar aufregen.“ [Heine, S. 33]
Faust ist also weit mehr als nur Goethes Tragödie. Faust war zu allererst eine real existierende Persönlichkeit, eine zum Teil hoch angesehene zumal. Schon zu seinen Lebzeiten, noch fantasievoller aber nach seinem Tode kleidete ihn der Mantel des Mystischen, des Zauberhaften — manch wohlfeile, manch abartige Geschichte ward gesponnen. Ein Ende ist nicht abzusehen! Denn immer wieder wird es Menschen geben, die fasziniert sind von der historischen Person; die gefangen genommen werden von der literarischen Figur; die angeregt werden von den Möglichkeiten des Fauststoffes; die Träumen gar von einem Pakt mit dem Teufel.
Im „Mai 1775 schrieb Goethe von Frankfurt aus an Herder, um sich für eine Buchsendung zu bedanken: ‚Ich habe Deine Bücher kriegt und mich dran erlabt. Gott weiß, dass das eine gefühlte Welt ist! Ein belebter Kehrichthaufen! ... Ich müsste all die Blätter voll Striche machen, um den Übergang zu bezeichnen und doch — Wenn nur die ganze Lehre von Christo nicht so ein Scheinding wäre, das mich als Mensch, als eingeschränktes bedürftiges Ding rasend macht, so wär mir auch das Objekt lieb; denn er ist mein Bruder. — Und so fühl ich auch in all Deinem Wesen nicht die Schal und Hülle, daraus Deine Castors und Harlekins herausschlupfen, sondern den ewig gleichen Bruder, Mensch, Gott, Wurm und Narren. — Deine Art zu fegen — und nicht eben aus dem Kehricht Gold zu sieben, sondern den Kehricht zur lebenden Pflanze umzupalingenesiren, legt mich immer auf die Knie meines Herzens.‘
Solcher Art zu kehren ist auch Goethes Faust-Dichtung zugeneigt, eine ständige Palingenese, eine ständige Wiedergeburt des Grundmotivs: Mensch — als Gott, als Wurm, als Narr — immer aber Bruder des Dichters, Geist von seinem Geist, Trieb von seinem Trieb, Erlebtes aus seinem Erleben.
Der Stoff von D. Faust kann in nicht rekonstruierbarer Vielfalt an den Dichter herangetreten sein. Die philologischen Studien nennen uns dieses oder jenes damals alte oder jüngere Werk über Faust; Goethe erwähnt selbst ausdrücklich das Puppenspiel vom D. Faust; das Volksbuch dürfte unter den kleinen Ausgaben gewesen sein, die der Knabe, auf Löschpapier gedruckt, in den Buchläden seiner Heimatstadt aufstöberte; handle es sich um die Fassung des Nürnberger Arztes Nikolaus Pfister ‚Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende des vielberüchtigten Erzschwarzkünstlers Johannis Fausti‘ (1674) oder um Das Faust-Buch des Christlich-Meinenden (1725); Faust-Lieder, Lessings Entwürfe, Wanderbühnenaufführungen werden nicht an ihm vorbeigegangen sein. Aber was bedeuten all diese möglichen Quellen, wenn man Goethes eigene Lebenserfahrungen nicht mit heranzieht, Dichtung und Wahrheit aus seinem Leben: die Leipziger Studentenzeit, unbefriedigt von den Wissenschaften und der Universität, entzückt vom Flor der Leipziger Mädchen, vom Pokulieren der Studenten in Auerbachs Keller, der in Wandmalereien des 17. Jahrhunderts dort Faust im Kreis der Scholaren und beim Fassritt zeigte; sodann die Frankfurter Genesungszeit, in der er sich in Studien der Natur, Medizin und Chemie vertiefte, Arnolds ‚Kirchen- und Ketzergeschichte‘ kennenlernte und für sich dabei ein erstes kühnes, prozesshaftes Weltbild entwarf; an Arnolds Werk ‚ergötzte‘ ihn besonders, dass ‚ich von manchen Ketzern, die man mir bisher als toll oder gottlos vorgestellt hatte, einen vorteilhaftern Begriff erhielt. Der Geist des Widerspruchs und die Lust zum Paradoxen steckt in uns Allen‘; Goethes Gretchen-Erlebnisse und Sesenheim.
All das aus seinem Leben bildete den ‚Kehrigt‘, aus dem er den Urfaust als lebende Pflanze ‚palingenesierte‘.
[...]
Bis 1887 blieb dieser Urfaust unbekannt. [...] Er wurde von Goethe in den Jahren 1772 bis 1775 verfasst, dann aber umgearbeitet und als Faust, ein Fragment herausgegeben. Auf ausdrückliche Anregung Schillers befasste sich Goethe seit 1797 wieder mit seinem Faust, dessen erster Teil (einzelne Szenen) 1819 auf Schloss Monbijou in einer Privatinszenierung aufgeführt wurde; dieser erste Teil als Ganzes wurde aber erst 1829 im Braunschweiger Nationaltheater öffentlich vorgestellt, unter August Klingemann. Für die erste Inszenierung des zweiten Teils sollten nach dessen Abschluss (1831) noch [...] [viele] Jahre vergehen: Erst 1854 wagte es das Hamburger Schauspielhaus dem Faust II szenische Gestalt zu geben. 1829 las der greise Dichter seinem Gesprächspartner Eckermann aus Faust, zweiter Teil vor und sprach mit ihm über sein Lebenswerk. Aus dem Gespräch vom 6. Dezember hält Eckermann Goethes Worte fest: ‚Da die Konzeption so alt ist und ich seit 50 Jahren darüber nachdenke, so hat sich das innere Material so sehr gehäuft, dass jetzt das Ausscheiden und Ablehnen die schwere Operation ist. Die Erfindung des ganzen zweiten Teiles ist wirklich so alt wie ich sage, aber da ich ihn erst jetzt schreibe, nachdem ich über die weltlichen Dinge so viel klarer geworden, mag der Sache zugutekommen. Es geht mir damit wie einem, der in seiner Jugend sehr viel kleines Silber- und Kupfergeld hat, das er während dem Lauf seines Lebens immer bedeutender einwechselt, sodass er zuletzt seinen Jugendbesitz in reinen Goldstücken vor sich sieht.‘
Dass Goethe die szenische Aufführung seines Faust, vor allem auch mit musikalischer Komposition versehen, immer vor Augen geschwebt hat, geht aus manchem Gespräch mit Eckermann hervor. Dass an vielem „die Philologen zu tun finden werden“, war ihm durchaus klar: ‚Aber doch ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut ins Auge fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, dass die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen, wie es ja auch bei der Zauberflöte und anderen Dingen der Fall ist.‘
Während der erste Teil des Faust von Goethe als im Tragödienstil der Sprechbühne aufzuführen gedacht ist, von Schauspielern der tragischen Muse dargestellt, schwebte ihm der zweite Teil opernmäßig vor, mit ersten Sängern und Sängerinnen besetzt. Als Komponisten hält er einen Künstler wie Meyerbeer für geeignet, der ‚lange in Italien gelebt hat, sodass er seine deutsche Natur mit der italienischen Art und Weise verbände. Doch das wird sich schon finden ... Auf den Gedanken, dass der Chor der Helena-Szene nicht wieder in die Unterwelt hinabwill, sondern auf der heiteren Oberfläche der Erde sich den Elementen zuwirft, tue ich mir wirklich etwas zugute‘. Und Eckermann fügt hinzu: ‚Es ist eine neue Art von Unsterblichkeit‘ (25.1.1827).“ [Theater der Jahrhunderte, S. 54 ff.]

„Am 29. August 1829 hob sich im Weimarer Hoftheater der Vorhang zu einer Uraufführung: 'Faust, der Tragödie Erster Teil‘ stand auf dem Theaterzettel.
An diesem Abend geschah und begann etwas Unglaubliches. In Windeseile entglitt das Faust-Bild seinen pastoralen Schöpfern, aus dem nichtswürdigen Strolch wurde der geniale, unersättliche Sucher, der gewaltige Wissende, wurde der Inbegriff des Strebenden, Forschenden, der strahlende Titan, der keine Grenzen gelten ließ. ‚Das Faustische‘ fügt sich ein in die Philosophie, in die Kulturgeschichte als der Name jener Kraft, die den menschlichen Geist weiter und weiter treibt, von einer Erkenntnis zur anderen, höher und höher, der Vollendung entgegen.“ [Maus, S. 29]

1790 veröffentliche Goethe „
Faust. Ein Fragment. Der Urfaust ist darin, aber alles andere noch unfertig. Dennoch mag der Dichter nicht mehr und will aufgeben. Und wenn ihn Schiller nicht unablässig gedrängt und beschworen hätte, wäre wohl niemals im Jahre 1808 der Band erschienen Faust. Der Tragödie erster Teil.
Aber der Band erscheint. Und er verändert die Welt. Er enthält das Drama der Dramen. In diesen Versen ist alles, das Oben und Unten, das Riesige und das Winzige, die Allmacht des Universums — und der Mensch. Der Mensch, zerrissen zwischen seinem Wollen und seinem Können, meinend, ein Titan zu sein — und dabei doch nur Spielball der Allgewalten, Gegenstand einer Wette bildet. Das ist Welttheater, unendlich, gigantisch, hier wird allem die rechte Dimension gegeben, hier entsetzt sogar die Größe des geringen Erdgeistes den vermessenen Beschwörer:
‚in Lebensfluten, im Tatensturm
Wall‘ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid[a].‘

Aber hier ist dennoch auch wieder der Mensch, der einfach nicht aufgibt, die Grenzen der Erkenntnis zu durchbrechen entschlossen ist, wenn nicht so, dann anders, der alles wagt, weil er alles will, der Rebell gegen eine Beschränkung, die er nicht duldet, weil er ihr nicht zugestimmt hat.
Und mitten in diesem Weltendrama Gretchen, jener andere, stille Mensch, der sein kleines Menschenleben leben will, aber hineingezogen wird in das Gigantenspiel, daran zerbricht und doch in seiner Kleinheit zur echten, wirklichen Größe aufsteigt, den Titanenwahn beschämt.
Buch um Buch ist schon geschrieben worden über dieses gewaltige Werk, jedes Wort gedeutet, abgewogen — und noch immer scheint es unerschöpflich zu sein. So unerschöpflich wie die Gestalt, die in seiner Mitte steht, der neue Faust! Denn das ist nicht mehr der geschäftige Teufelsbündler des Volksbuches, das ist der zeitlos Suchende, das Symbol menschlichen Forschergeistes überhaupt:
‚Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum —
Und sehe, dass wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen,
Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen;
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel.
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel —
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt.
Es möcht kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält[b].‘
Und so konnte es gar nicht anders sein: Er war nur erst gedruckt, dieser Tragödie erster Teil, noch lange nicht gespielt — und schon packte der ‚neue Faust‘ eine halbe Welt.
Louis Sporh schreibt eine Oper, August Klingemann ein Drama, Lord Byron in London seinen Manfred — den Faust Wesensgleichen, Alexander Puschkin in Petersburg ein Faustfragment — und Héctor Berlioz komponiert in Paris Acht Szenen auf Faust.
Und dann, am 29. August 1829, einen Tag nach Goethes achtzigstem Geburtstag, hebt sich im Weimarer Hoftheater der Vorhang zur eigentlichen Uraufführung. Sie wird zu einem Triumph, der greise Dichter in der Proszeniumsloge ist‘s zufrieden. Aber über ihm, auf dem Gesims, hocken sie schon wieder, der Doktor und sein Geist, und bestehen darauf, bleiben zu dürfen, bis ‚alles fertig sei‘. Der Poet hat ihnen nämlich, trotz seines Alters, noch einen zweiten Teil versprochen.
Freilich, obwohl er viel vorgearbeitet hat, fällt der ihm dann doch schwer. Und als er sich am 22. März 1832 zum Sterben legt, ist die Arbeit eben abgeschlossen. Gedruckt erscheint sie als erster Band der nachgelassenen Werke, und aufgeführt wird dieser Faust. Der Tragödie zweiter Teil gar erst am 4. April 1854 in Hamburg.
Er unterscheidet sich sehr vom ersten Teil: ‚der erste Teil ist fast ganz subjektiv; es ist alles aus einem befangeneren, leidenschaftlicheren Individuum hervorgegangen, welches Halbdunkel den Menschen auch so wohl tun mag. Im zweiten Teil aber ist gar nichts Subjektives, es erscheint hier eine höhere, reinere, hellere, leidenschaftslosere Welt, und wer sich nicht etwas umgetan und einiges erlebt hat, wird nichts damit anzufangen wissen[c].‘ So Goethe selbst am 17. Februar 1831 zu Eckermann.
Und er sieht und gestaltet seinen Helden in der Tat gelassener, heller, eben leidenschaftsloser. Zwar kommt hier wieder mehr die Volksbuchsage zu ihrem Recht — der Kaiserhof, Helena, der gemeinsame Sohn. Doch alles ist ferner, allgemeingültiger, den Sohn will der Dichter als Symbol der Verbindung von deutschem Mittelalter und griechisch-römischer Antike verstanden wissen. Und vollends wird diese philosophische Überhöhung deutlich in der Aussage, dass die Erlösung aus dem ‚Tätigsein‘, aus der für die Gemeinschaft nützlichen Leistung kommt:
‚Eröffn‘ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen,
Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,
Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
Ja! Diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Dass ist der Weisheit letzter Schluss;
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muss[d].‘
So Faust, da er am Ende seines Lebens dem Meer Lebensraum abgerungen hat, Land für Millionen Menschen. Er ist so die Verkörperung des strebenden Menschen schlechthin.“ [Maus, S. 280 ff.]
Goethes Faust beschreibt Jutta Hecker wie folgt:  „... hier war Menschenschicksal gestaltet, allgemein gültiges Menschengeschick, wie es jedem widerfahren konnte. Faust — zweifelnder, nach Rettung suchender Mensch! Wie verständlich sein Entschluss, aus diesem Leben zu gehen — und dann unbegreiflicherweise von irgendwoher Ermutigung, die ihn dennoch weiterleben ließ. Ach und dann frohe mitreißende Bauerntänze, ausgelassene Studentenszenen, und schließlich der Wille, ohne Rücksicht auf mögliche Folgen, sich zu verbinden mit Tod und Teufel. Und — da war Liebe, der Einbruch der Liebe in ein einsames Herz!“ [Hecker, S. 7]
„Faust und Mephistopheles — Goethe hatte die beiden Gestalten leibhaftig in die Welt gesetzt. Jeder kannte sie, jeder fand sich in dem einen oder dem anderen wieder, zum mindesten ein Stück von sich. ... Da war er, der Skeptiker, der verzweifelt Suchende, der in Liebesleidenschaft Verstrickte, der zu Selbstmord Bereite, und überall ihm zur Seite die hilfreichen, lügnerischen Teufel: laute wüste Gemeinschaft, Rausch, Trieb, Maske, Geld. Wie war das alles gestaltet, lebensecht, unkonventionell, revolutionär!“ [Hecker, S. 35]
„Die Verzweiflung des Suchenden, den Pakt mit dem Teufel, die Liebesgeschichte ... Er wirbelte in der Hexenküche, er tobte in der Kellerschenke, er jagte über den Blocksberg ... Mephistopheles war ein Mensch! Dieser Satan war nicht der übliche Teufel mit Schwanz und Hörnern: er hatte menschliche, wenn auch daneben übermenschliche und unmenschliche Fähigkeiten! Wenn er die jemandem lieh, so ragte der über alle anderen hinaus, aber er hatte dafür zu zahlen, mit Blut – mit der Seele! ...
Gott und Teufel und Mensch — wie ineinander verstrickt! Alles war nicht so einfach, wie es die Kirche lehrte. Der Teufel war ein Teil von Gott, man musste mit beiden leben.“ [Hecker, S. 71]
„Als kleiner Bub machte Goethe die Bekanntschaft mit dem Puppenspiel vom Dr. Faust. Als 82-Jähriger vollendete er seinen Faust, an dem er 60 Jahre lang gearbeitet hatte. Freilich geht die Werkentstehung schubweise vor sich, mit großen zeitlichen Lücken, nur weitergebracht auf das Drängen kundiger Berater hin — Schiller und Eckermann sind hier als die wichtigsten zu nennen. Um 1775 ist der Urfaust abgeschlossen, 1790 erscheint das Fragment, 1808 der im Untertitel als Tragödie bezeichnet wird. Gleichwohl fährt Faust hier nicht zur Hölle, wie es in der vorgoetheschen Faust-Tradition fast ausnahmslos der Fall war: Er wird gerettet als ein guter Mensch, wie es der Prolog im Himmel bereits vorwegnehmend angekündigt hatte. Die schließliche Himmelfahrt des von Skrupeln kaum geplagten Egoisten, der das unbescholtene Gretchen ins Unglück bringt, der allein in der symbolischen Vereinigung mit der klassisch-antiken Helena Glück empfindet, der Philemon und Baucis vernichtet und der nicht nur physisch erblindet als Hundertjähriger den höchsten Augenblick zu empfinden vermeint — Fausts himmlische Absolution also hat in den ersten Jahrzehnten nach 1832 immer wieder entschiedenen Widerspruch erregt als eine katholisierende und nimmermehr zum Handlungsverlauf passende Lösung. Erst nach 1870 begann die bis heute nur selten revozierte Hochschätzung des Faust, sein Siegeszug in Buchauflagen, Übersetzungen, Illustrationen, auf den Theatern, als Vorlage für Kompositionen, im Gymnasialunterricht und als Steinbruch für zitierfreudige Festredner. Wohl keines anderen Werkes der Weltliteratur haben sich die Philologen und Philosophen mit derartigem Eifer und mit einer solchen Ausbeute an Sekundärliteratur angenommen, dass ein unbefangener Zugang zu Goethes Faust heute nicht mehr möglich erscheint. Immer wieder hat die einschlägige Forschung wahrmachen wollen, dass Faust zu Recht in den Himmel aufgenommen würde, dass er sich sittlich geläutert und gleichsam eine Selbsterlösung zustande gebracht habe. Der sprunghaften Werkentstehung ungeachtet hat man den Faust als ein Stück aus einem Guss sehen wollen. Es ist heute an der Zeit, diesen Theorien des Perfektibilismus und des Unitarismus zu widersprechen — und zwar unter Berufung auf den Text, der um viele problematischer zu gelten hat als die interpretatorischen Glättungen. Goethe selbst hat mehrmals, energisch und kopfschüttelnd-ironisch darauf hingewiesen, dass sein Faust nicht auf die Schnur einer einzigen Idee zu ziehen, dass er nicht ohne Weiteres und nicht restlos zu vereinnahmen sei — und das müsste für die berufsmäßigen Text-Exegeten ebenso gelten wie für politische und ideologische Usurpatoren dieses Textes, der zu vollmundigen Pauschalformeln gereizt und der wie kein anderer zu mannigfachen Befangenheiten Anlass gegeben hat. Goethes Faust ist ohne Zweifel ein schwieriger Text. Ihm sich anzunähern, gelingt nicht über Sekundärliteratur, sondern nur durch das anstrengende Vergnügen eigener Lektüre.“ [Faust-Museum Knittlingen, S. 111]
„Im zehnten Buch von Dichtung und Wahrheit berichtet Goethe über seinen Aufenthalt in Straßburg (1770/71) und seinen Verkehr mit Herder: ,Am sorgfältigsten verbarg ich ihm (Herder) das Interesse an gewissen Gegenständen, die sich bei mir eingewurzelt hatten und sich nach und nach zu poetischen Gestalten ausbilden wollten. Es war Götz von Berlichingen und Faust. Die Lebensbeschreibung des erstern hatte mich im Innersten ergriffen. Die Gestalt eines rohen, wohlmeinenden Selbsthelfers in wilder anarchischer Zeit erregte meinen tiefsten Anteil. Die bedeutende Puppenspielfabel des anderen klang und summte gar vieltönig in mir wider. Auch ich hatte mich in allem Wissen herumgetrieben und war früh genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen worden. Ich hatte es auch im Leben auf allerlei Weise versucht und war immer unbefriedigter und gequälter zurückgekommen. Nun trug ich diese Dinge so wie manche andere mit mir herum und ergötzte mich daran in einsamen Stunden, ohne jedoch etwas davon aufzuschreiben. Am meisten aber verbarg ich vor Herdern meine mystisch-kabbalistische Chemie, und was sich darauf bezog, ob ich mich gleich noch sehr gern heimlich beschäftigte, sie konsequenter auszubilden, als man sie mir überliefert hatte.“ [Faust-Museum Knittlingen, S. 112]
„Dem Weimarer Hoffräulein Luise von Göchhausen verdanken wir die Kenntnis des Urfaust: Sie schrieb den Text, den Goethe 1775 nach Weimar mitbrachte und im kleinen Kreis vorlas, ganz oder doch zu wesentlichen Teilen ab. Ihre Handschrift wurde erst 1887 von Erich Schmidt wiederentdeckt und herausgegeben. Zu Eckermann sagte Goethe, an seine Ankunft in Weimar im Herbst 1775 erinnernd: ,Der »Faust« entstand mit meinem »Werther«; ich brachte ihn im Jahre 1775 mit nach Weimar. Ich hatte ihn auf Postpapier geschrieben und nichts daran gestrichen; denn ich hütete mich, eine Zeile niederzuschreiben, die nicht gut war und die nicht bestehen konnte.“ [Faust-Museum Knittlingen, S. 112]
„Faust. Ein Fragment. In: J.W. Goethe‘s Schriften. Siebenter Band. Leipzig 1790, S. 1 - 168. Am 5. Juli 1789 teilte Goethe Herzog Karl August mit: ,»Faust« will ich als Fragment geben aus mehr als einer Ursache. Davon mündlich.« Am 2. November 1789 schrieb er an Johann Friedrich Reichardt: ,... hinter »Fausten« ist ein Strich gemacht. Für diesmal mag er so hingehn.‘“ [Faust-Museum Knittlingen, S. 113]
„Goethes eigenhändiger Plan zur Faust-Dichtung (sogenanntes Paralipomenon 1) befindet sich in den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv. Der Text lautet in der Umschrift: ,Ideales streben nach Einwircken und Einfühlen in die ganze Natur.
Erscheinung des Geistes als Welt und Thaten Genius.
Streit zwischen Form und Formlosen.
Vorzug dem formlosen Gehalt
Vor der leeren Form.
Gehalt bringt die Form mit
Form ist nie ohne Gehalt.
Diese Widersprüche statt sie zu vereinigen disparater zu machen.
Helles kaltes wissensch. Streben     Wagner
Dumpfes warmes         —         —        Schüler.
Lebens Thaten Wesen.
Lebens Genuß der Person von aussen gesehen 1. Theil
in der Dumpfheit Leidensch[aft]
Thaten Genuß nach aussen und Genuß mit
Bewußtseyn. Schönheit. zweyter — [Theil]
Schöpfungs Genuß von innen. Epilog im Chaos auf dem Weg zur Hölle.‘
Die Paralipomena zum FaustÜberbleibsel in Notizenform, die nicht in den endgültigen Text aufgenommen wurden — bestehen aus Planskizzen sowie Werknotaten in Prosa- oder Reimform. Zählungen und Zuordnungen schwanken, doch ist von etwa 250 Paralipomena auszugehen, worunter auch der Selbstzensur Goethes zum Opfer Gefallenes rechnet, beispielsweise allzu deftige Entwürfe zur Nordischen Walpurgisnacht.“ [Faust-Museum Knittlingen, S. 113]
[1829] „machte sich Goethe Gedanken zu einer musikalischen Faust-Darbietung. Am 12. Februar sagte Eckermann zu Goethe: ,»Doch gebe ich die Hoffnung nicht auf, zum Faust eine passende Musik kommen zu sehen.‘ »Es ist ganz unmöglich«, sagte Goethe. »Das Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie stellenweise enthalten müßte, ist der Zeit zuwider. Die Musik müßte im Charakter des >Don Juan< sein; Mozart hätte den Faust komponieren müssen. Meyerbeer wäre vielleicht dazu fähig, allein der wird sich auf so etwas nicht einlassen; er ist zu sehr mit italienischen Theatern verflochten.«‘“ [Faust-Museum Knittlingen, S. 115]
„Im Gespräch mit Eckermann sagte Goethe am 6. Mai 1827: ,Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und hineinlegen, das Leben schwerer als billig. Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre! Da kommen sie und fragen, welche Idee ich meinem »Faust« zu verkörpern versucht. Als ob ich das selber wüsste und aussprechen könnte! Vom Himmel durch die Welt zur Hölle — das wäre zur Not etwas, aber das ist keine Idee sondern Gang und Handlung. Und ferner, daß der Teufel die Wette verliert und daß ein aus schwerer Verwirrung immerfort zum Besseren aufstrebender Mensch zu erlösen sei, das ist zwar ein wirksamer, manches erklärender, guter Gedanke, aber es ist keine Idee, die dem Ganzen und jeder einzelnen Szene im besonderen zugrunde liege. Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und so höchst mannigfaltiges Leben, wie es im »Faust« zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte aufreihen wollen!‘“ [Faust-Museum Knittlingen, S. 115]
„Goethe, Faust I. Goethe, Faust II. (Gieglers Universal-Jugendbibliothek, Bd. 55/56, Bd. 57) Hollfeld/Obfr. o.J. es handelt sich hier um Kommentare für Schüler im kleinsten Format. Auf S. 3 f. des ersten Bändchens heißt es: ,Das größte Werk unseres größten Dichters, dessen Abfassung derselbe als junger Student begann und als zweiundachtzigjähriger Greis, wenige Monate vor seinem Tode, vollendete, Goethes Faust, enthält eine so ergreifende Schilderung aller menschlichen Gefühle von der höchsten Freude bis zum grausamsten Schmerz, dass er wie kaum eine andere Dichtung des eingehendsten Studiums würdig erscheint. Für dieses aber ist eine ausführliche Betrachtung des Ganges der Handlung erste Bedingung.‘“ [Faust-Museum Knittlingen, S. 122]

„Zuerst wollte Goethe sein Drama „Gretchen“ nennen und Gretchen als Zentralfigur darstellen. Faust stürzt sie so ganz nebenbei ins Verderben; dabei ist sie auf ihre Art ein äußerst wertvolles Wesen, sie ist sympathisch, voll tiefer innerer Grazie und viel besser als er mit all seiner inneren Zerrissenheit. Er tritt sie, eben weil er sie liebt, in den Schmutz, er macht sie nicht nur unglücklich, sondern treibt sie auch zum Verbrechen, zum Leiden. Dann verlagert sich der Schwerpunkt des Dramas auf Faust. Aber dieser Episode mit Gretchen hat Goethe viel Raum gewidmet. Mephistopheles spielt Faust, nachdem er ihn verjüngt hat, ein einfaches Mädchen zu, das sich durch nichts von anderen Mädchen unterscheidet. Sie ist ein durchschnittliches Kleinbürgermädchen, und sie sind alle fast gut, solange sie wie Schäfchen in ihrem Krähwinkel leben und mit nichts in Konflikt geraten. Faust verliebt sich leidenschaftlich in sie; solange er verliebt ist, sieht er in ihr eine Göttin. Und Mephistopheles ermöglicht ihm einen leichten Sieg mit Hilfe von Geschenken, leidenschaftlichen Worten und dem schönen Aussehen, das er Faust verliehen hat. Gretchen gibt sich Faust ziemlich schnell hin. Und die Leiden beginnen. Sie muss Heimlichkeiten vor ihrer Mutter haben. Sie gibt ihr einen Schlaftrunk, und die Mutter stirbt. Und dann erwartet sie ein Kind! Faust begibt sich indessen auf eine große Reise und lässt sie im Stich. Die Mitmenschen beginnen das Mädchen zu schmähen und zu verachten. Schließlich versucht sie, sich des Kindes zu entledigen, sie wird der Kindestötung beschuldigt — ein alltäglicher Prozess, und sie geht zugrunde. Sie soll als Mörderin ihres Kindes hingerichtet werden. Ein totaler moralischer und physischer Untergang. Doch Goethe erklärt, dass Gretchen eine Märtyrerin ist, dass sie ein Engel ist, dass sie, gerade weil sie all das durchlitten hat, zu einer Heiligen wird und dass die Erinnerung an sie, an das unschuldig zugrunde gerichtete Opfer, eine heilsame Wirkung auf Faustens Seele hat. Er kann sich nie mehr von dem Bewusstsein befreien, ein Verbrechen begangen und ein reines Wesen zugrunde gerichtet zu haben. Und eben weil er, nachdem er Gretchen zugrunde gerichtet hat, in leidenschaftlicher Reue seine Schuld büßt, wurde er gerettet. [Lunatscharski , S. 180 f.]
Über Goethes Faust wurde schon mannigfaltig geschrieben, berichtet, verfasst, publiziert ... Wir wollen deshalb diesen Punkt nicht weiter vertiefen. Nur eine interessante Sache wollen wir dennoch erwähnt wissen, die so sehr noch nicht verbreitet ist:
„Gedicht Goethes, zur Erklärung seiner Faustdichtung gehörig.
Als Nicolai die Freuden des jungen Werther herausgab.

Ein junger Mensch - wer weiß nicht wie?
Verstarb an der Hypochondrie,
Und ward dann auch begraben. -
Da man ein schöner Geist herbei,
Der hatte einen Stuhlgang frei,
Wie ihn die Leute haben.
Der setzt sich nieder auf das Grab
Und legt ein reinlich Häuflein ab.
Schaut mit Behagen seinen D..ck,
Geht wohl ermutigt wieder weg,
Und spricht zu sich bedächtiglich:
Der arme Mensch; er dauert mich,
Wie hat er sich verdorben.
Hätt er g........n, so wie ich,
Er wäre nicht gestorben.
 
Beherziget das Dictum:
Cacatum non est pictum.
 
Der im Jahre 1811 zu Berlin gestorbene Buchhändler und Gelehrte Christoph Friedrich Nicolai hatte sich die Ungunst Goethes hauptsächlich durch eine Parodie auf Werthers Leiden zugezogen, welche 1775 unter der Aufschrift: Werthers Freuden erschien. Ohne Zweifel fehlte es Nicolai weder an Talent, noch an der Gabe, auf das Publikum zu wirken, und seine Wirksamkeit war in mancher Hinsicht verdienstlich und nachhaltig. Die Einseitigkeit in seiner Aufklärungsmanier nach französischem Geschmacke und noch mehr das vornehme Absprechen über Koryphäen der deutschen Literatur schadeten ihm. In seiner Parodie auf Werthers Leiden tritt Albert zur Vermeidung der unglückseligen Katastrophe dem Werther die Braut ab, und des Letztern Pistolen sind, um nicht zu schaden, mit Hühnerblut geladen. Goethe lässt ihn bekanntlich im Faust als Proktophantasmisten[2] und auch in andern Gestalten zur Belustigung des Publikums auftreten, und geißelt ihn auch mit Schiller in den Xenien. Lotte wird natürlich in Nicolais Parodie Werthers Gattin zur allgemeinen Zufriedenheit. Goethe erzählt in seinem Leben, Dichtung und Wahrheit (kleine Ausgabe letzter Hand, Bd. XXVI, S. 231) die Geschichte, welche von ihm auf mehreren Seiten ausführlich behandelt wird, und sicher einen starken Eindruck machte, der uns allein erklären kann, warum Goethe gerade ihn allein mehrmals in seinem Faust an den Pranger stellte. Auch das obige Gedicht, welches, solange Goethe lebte, nicht gedruckt werden durfte, und meines Wissens erst nach Goethes Tode in einer einzigen Sammlung bis jetzt erschienen ist., zeigt uns, wie der Dichter selbst in trivialer Laune Nicolai zum Gegenstande seines Spottes machte. Goethe äußert sich über dieses, gleich nach 1775 entstandene Gedicht, welches wir als eine Seltenheit mitteilen wollten, da wir seine Echtheit verbürgen können, an der oben angeführten Stelle (Band XXVI, Seite 231 und 232) also: »Dann verfasste ich zur stillen und unverfänglichen Rache ein kleines Spottgedicht, Nicolai auf Werthers Grabe, welches sich jedoch nicht mitteilen lässt.«, worunter das oben angeführte Gedicht verstanden ist. Ich erhielt eine Abschrift desselben aus der Handschriftensammlung meines Kollegen geh. Kirchenrat Dr. Paulus, welche ich hier mitgeteilt habe.“ [von Meldegg, S. 305 f.]

„In Goethes Nachlass fanden sich zwei auf die Faust-Dichtung bezügliche Gedichte, »Abkündigung« und »Abschied« betitelt. Sie stellen Gegenstücke zur 1797 entstandenen »Zueignung« dar. Obgleich Goethe niemals etwas über die beiden Gedichte hat verlauten lassen und das eine wie das andere schließlich unterdrückte, darf ihre Entstehung auf die Zeit zwischen 1797 und 1800 angesetzt werden, zumal Goethe sich 1800 intensiv mit dem für die vollständige Faustdichtung vorgesehenen Helena-Akt beschäftigt hatte, sodass ihm der Abschluss der Dichtung bei der Niederschrift des Verses »Am Ende bin ich nun des Trauerspieles« durchaus greifbar nahe geschienen haben mag.

Abkündigung
Den besten Köpfen sei das Stück empfohlen,
Der Deutsche sitzt beständig zu Gericht,
Und möchten’s gerne wiederholen,
Allein der Beifall gibt allein Gewicht.
Vielleicht daß sich was Bess’res freilich fände. —
Des Menschen Leben ist ein ähnliches Gedicht:
Es hat wohl einen Anfang, hat ein Ende,
Allein ein Ganzes ist es nicht.
Ihr Herren, seid so gut und klatscht nun in die Hände.

Abschied
Am Ende bin ich nun des Trauerspieles
Das ich zuletzt mit Bangigkeit vollführt,
Nicht mehr vom Drange menschlichen Gewühles,
Nicht von der Macht der Dunkelheit gerührt.
Wer schildert gern den Wirrwarr des Gefühles,
Wenn ihr Den Weg der Klarheit aufgeführt?
Und so geschlossen sei der Barbareien
Beschränkter Kreis mit seinen Zaubereien.

Und hinterwärts mit allen guten Schatten
Sei auch hinhört der Böse Geist gebannt,
Mit dem so gern sich Jugendträume gatten,
Den ich so früh als Freund und Feind gekannt.
Leb’ Alles wohl was wir hiemit bestatten,
Nach Osten sei der sichre Blick gewandt,
Begünstige die Muse jedes Streben
Und Lieb’ und Freundschaft würdige das Leben.

Denn immer halt’ ich mich an Eurer Seite,
Ihr Freunde, die das Leben mir gesellt;
Ihr fühlt mit mir, was Einigkeit bedeute,
Sie schafft aus kleinen Kreisen Welt in Welt.
Wir fragen nicht in eigensinn’gem Streite,
Was dieser schilt, was jenem nur gefällt,
Wir Ehren froh mit immer gleichem Muthe
Das Alterthum und jedes neue Gute.

O glücklich! wen die holde Kunst in Frieden
Mit jedem Frühling lockt auf neue Flur;
Vergnügt mit dem was ihm ein Gott beschieden
Zeigt ihm die Welt des eignen Geistes Spur.
Kein Hinderniß vermag ihn zu ermüden,
Er schreite fort, so will es die Natur.
Und wie des wilden Jägers braus’t von oben
Des Zeiten Geists gewaltig freches Toben.« [Göres, S. 251 f.]



- Faust-Museum Knittlingen:
Faust-Museum Knittlingen. Exponate, Materialien, Kommentare. / Zusammengestellt von Günther Mahal unter Mitarbeit von Brigitte Bruns und Ottmar Maier — Stuttgart : Verlag Paul Daxer, 1980. — 194 S.
ISBN 3-922815-00-6

- Göres:
Goethe Faust — Erster Teil. Mit Illustrationen von Eugène Delacroix und einem Nachwort von Jörn Göres / Johann Wolfgang von Goethe. — Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1979. 288 S. Insel Taschenbuch Nr. 50
ISBN 3-458-31750-3

- Heine, Heinrich:
Der Doktor Faust : ein Tanzpoem nebst kuriosen Berichten über Teufel, Hexen und Dichtkunst / Hrsg. von Joseph A. Kruse. - Stuttgart : Reclam, 2007. — 109 S. (Reclams Universal-Bibliothek ; 3605)
ISBN 978-3-15-003605-1

- Hecker, Jutta:
Als ich zu Goethe kam : Drei Erzählungen / Jutta Hecker. — 2. Aufl. — Berlin : Verl. der Nation, 1977. — 341 S.

- Lunatscharski:
Lunatscharski, Anatoli W.: „Essays zur Faustproblematik ‚Die deutsche klassische Literatur Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts (1924 — 1930)*‘". In: Faust und die Stadt. Ein Lesedrama. Mit Essays zur Faustproblematik. / Lunatscharski, Anatoli W. — Leipzig, Verlag Philipp Reclam jun., 1973. 249 S. (Reclams Universal-Bibliothek ; 91)
Lizenz-Nr. 363. 340/41/73

- Maus:
Faust — Eine deutsche Legende / Maus, Hansjörg. — Wien und München, Meyster Verlag GmbH, 1980. 396 S.
ISBN 3 7057 6001 7

- Theater der Jahrhunderte:
Theater der Jahrhunderte — Faust (1. Band) Albert Langen — Georg Müller Verlag, München und Wien, 1970 Herausgegeben und mit einem Vorwort von Margret Dietrich 376 S.

- von Reichlin-Meldegg, Karl Alexander:
Die deutschen Volksbücher von Johann Faust, dem Schwarzkünstler, und Christoph Wagner, dem Famulus : nach Ursprung, Verbreitung, Inhalt, Bedeutung und Bearbeitung mit steter Beziehung auf Göthe‘s Faust und einigen kritischen Anhängen ; Drittes Bändchen, Welches die dichterischen Darstellungen der Faustsage, den Schluß und die Anhänge umfaßt / Karl Alexander von Reichlin-Meldegg. - Stuttgart : Verl. des Herausgebers [Scheible] (Leipzig: Expedition des Klosters), 1848. — 306 S.

[a] J. W. Goethe, Faust I., München 1964.

[b] Goethe Faust I.

[c] Eckermann, Paralipomena, München 1964.

[d] Goethe, Faust II., München 1964.

[1] Gotthold Ephraim Lessing, Gesammelte Werke, hrsg. von Wolfgang Stammler, München 1959, Bd. 2, S. 54.

[2] Jemand, der infolge seiner Unterleibskrankheiten an Halluzinationen leidet. (lt. http://www.cosmiq.de/qa/show/2420839/was-ist-ein-PROKTOPHANTAMIST-siehe-goethe-faust-I/)

* „1923/24 hielt Lunatscharski an der Kommunistischen Swerdlow-Universität Vorlesungen über „Die Geschichte der westeuropäischen Literatur in ihren wichtigsten Momenten“. 1924 erschien die erste Buchausgabe der Vorlesungen, eine überarbeitete Fassung 1930. Unser Auszug ist der neunten Lektion dieser Vorlesungen — „Die deutsche klassische Literatur Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts“ — entnommen. Der Übersetzung liegt die Ausgabe letzter Hand zugrunde, Sobranie sočinenij, Bd. 4, Moskau 1964, S. 227—230.“


 

 

▲oben

________________________________________________________________________________________________________________
© Die Autoren.
Kontakt-E-Mail
Impressum